"Geächtet": Krisen zwischen Pappschachteln und Pakistan

25. September 2017, 17:28

Ayad Akhtars Erfolgsstück im Linzer Landestheater

Linz – Der Herr Anwalt (Clemens Berndorff) geht ohne Socken. Dass er sie sich nicht leisten könnte, ist angesichts der 600-Dollar-Hemden, die er trägt, unwahrscheinlich. Wenn das also kein Versehen der Requisite ist, hat es den Anschein, als sei im New York Anfang der 2010er-Jahre vieles möglich. Denn Amir, Sohn pakistanischer Einwanderer, arbeitet in einer jüdischen Kanzlei. Seine Frau Emily (Theresa Palfy) ist Protestantin und malt beeinflusst von islamischer Kunst. Er hat seinen religiösen Background bis zum Verschwinden verdrängt. Als er wiewohl widerwillig einen wegen Terrorfinanzierung angeklagten Imam vor Gericht vertritt, wird jener aber plötzlich schlagend.

Man kann sich Ayad Akhtars Stück Geächtet als eine Art auf Religion und kulturelle Identität gebürstete Variante von Yasmina Rezas Gott des Gemetzels vorstellen. Es ist ein intellektuelles Abklappern vieler auf den Islam bezogener Brennpunkte, getarnt als Abendessen zweier Paare, das sich letztlich zur Freude des Publikums auch über berufliche und Beziehungsfragen zuspitzt.

Misstrauen gegen sich selbst

Vorgeführt werden etwa jene Brüche, die 9/11 als Misstrauen gegen Muslime in der US-Gesellschaft hinterlassen hat. Selbst Amir misstraut seinen Wurzeln massiv. Das nicht verstehen kann und will hingegen Emily. Die Kunst des Islam, die sie so fasziniert, sei aber nicht dessen Lehre, beharrt er. Und akademische Bücher nicht dessen brutale Praxis.

Die Pappschachtel-Kulisse von Florian Parbs erklärt sich erst zum Schluss. Sie beherrscht zwar die Bühne, kann darüber hinaus aber wenig. Mit am dort nicht vorhandenen Tisch sitzen der jüdischstämmige Kurator Isaac (Sebastian Hufschmidt), der Arbeiten Emilys zeigen will und mit ihr geschlafen hat, und dessen afroamerikanische Frau (Diana Müller), die Amir als Kollegin die Beförderung wegschnappt.

Feinheiten im Tonfall vermisste man im Landestheater Linz zuweilen, vor allem hörte man sie von Berndorff. Es stecken ihrer noch viele (Kulturimperialismus, Selbstentwürfe, Radikalisierung) in dem geschickt hantierenden Stück. Peter Wittenberg inszenierte ohne Ablenkung vom Text, aber auch ohne Kniffe. (wurm, 25.9.2017)