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Forscher: "Homöopathie ist gesundheitsschädlich"

26. September 2017, 13:07

Die Akademien der Wissenschaften fordern, dass in Europa nur nachweisbar wirksame Medikamente verkauft werden dürfen. Homöopathie gehöre nicht dazu, so die Experten

Alternativmedizin sei nicht nützlich, sondern gesundheitsschädlich, warnt die das European Academies Science Advisory Council (EASAC), die Dachorganisation der europäischen Akademien der Wissenschaften. Es gebe keinen Beleg für die Wirksamkeit von Homöopathie, und ihre Anwendung verzögere evidenzbasierte Therapien, kritisieren die Wissenschafter in einer Stellungnahme. Sie fordern, dass in Europa nur nachweisbar wirksame Medizinprodukte verkauft werden dürfen.

Die einzige reproduzierbare Wirkung sei bei der Homöopathie der Placeboeffekt, erklären die Wissenschafter einer vom EASAC eingesetzten Arbeitsgruppe. Sie haben die vorhandenen "exzellenten, wissensbasierten Bewertungen von offiziellen und unparteiischen Stellen" durchforstet, diskutiert und bewertet.

Der Pathologe und Pharmazie-Experte Helmut Denk war als Vertreter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) an der Stellungnahme beteiligt. "Ich halte es für sehr wichtig, Patienten darüber aufzuklären, dass es keinen wissenschaftlich fundierten und reproduzierbaren Hinweis dafür gibt, dass homöopathische Produkte – über den Placeboeffekt hinaus – bei irgendeiner Erkrankung wirksam sind", sagte er der APA. Sie könnten sogar schädlich sein, wenn durch ihre Verabreichung eine spezifische Therapie verzögert oder gar unterlassen wird. Dieser Schaden wird laut EASAC durch die Marketingpraxis der Homöopathen verstärkt, die Schulmedizin ständig schlechtzumachen.

Schlechte Studien und Zufall

Alle angeblich gezeigten Effekte der Homöopathie jenseits des Placeboeffekts seien auf schlechtes Studiendesign, Zufallsvariation oder Publikationsbias, also das bevorzugte Veröffentlichen von Studien, die zu positiven Ergebnissen gekommen sind, zurückführbar, erklären die Forscher: "Wir schließen daraus, dass die Behauptungen der Homöopathie nicht plausibel und widersprüchlich zu etablierten wissenschaftlichen Konzepten sind."

In der Humanmedizin sei es bedenklich, dass Ärzte solche unwirksamen Produkte verschreiben. Auch die Anwendung in der Tiermedizin halten die Forscher für besorgniserregend, wenn Infektionen beim Viehbestand vorrangig mit Homöopathie anstatt mit evidenzbasierten Medizinprodukten behandelt werden.

Die Wissenschafter kritisieren auch die teils lascheren Qualitätskontrollen und Sicherheitsbeurteilungen bei homöopathischen Produkten. Die US-Arzneimittelbehörde FDA etwa habe kürzlich von "schweren Nebenwirkungen einschließlich Todesfällen bei Kindern" berichtet, die bei einem homöopathischen Produkt aufgetreten seien, das zahnenden Kindern verabreicht wurde. In einigen Mitteln fanden sich zu hohe Konzentrationen des "Wirkstoffs", nämlich der Tollkirsche (Belladonna).

Keine Homöopathie-Finanzierung durch Staat

Sie fordern von den EU-Behörden, dass alles, was als Medizinprodukt für Mensch oder Tier zugelassen und verkauft wird, konsequent und objektiv auf Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität getestet ist. "'Alternative Medizin' bedarf strenger Richtlinien zur Aufklärung der Patienten und Angaben über den Inhalt homöopathischer Produkte in qualitativer und quantitativer Hinsicht", so Denk. Es dürfe auch keine Finanzierung durch das Gesundheitssystem ohne strikten Nachweis der Wirkung und Sicherheit homöopathischer Handlungen und Produkte geben.

Die "Alternativmedizin" ist in Europa und besonders in Österreich weit verbreitet: Der Markt für solche Produkte war 2015 in der EU mehr als eine Milliarde Euro schwer und wächst pro Jahr um sechs Prozent. Er ist auf wenige Konzerne konzentriert: Die fünf größten Firmen teilen sich 70 Prozent des Sektors. In einigen Ländern wie Schweden, Polen und Großbritannien werden Homöopathika nur von einem Prozent der Bevölkerung angewandt. Österreich, Frankreich und Deutschland gehören mit bis zu 13 Prozenten zu den Spitzenreitern.

Homöopathie ist ein Konzept, das der deutsche Mediziner Samuel Hahnemann Ende des 18. Jahrhunderts schuf, um mit verschiedensten stark verdünnten Stoffen Krankheiten zu behandeln. Seine Doktrin basiert auf dem Konzept "Gleiches heilt Gleiches": Krankheitssymptome sollen mit einer Substanz bekämpft werden, die möglichst ähnliche Symptome verursacht. Außerdem nahm er an, dass seine Mittel umso potenter werden, je öfter man sie verdünnt. Homöopathie ist nicht mit Pflanzenmedizin gleichzusetzen. (APA, red, 26.9.2017)