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Syphilis-Spezialistin: "Wir haben irre Fallzahlen"

Interview |
27. September 2017, 07:19

Syphilis-Symptome sind unspezifisch und von Patient zu Patient unterschiedlich. Das macht die Krankheit unberechenbar, erklärt Alexandra Geusau

STANDARD: Syphilis zeigt sich zunehmend präsent, auch in Europa. Wie riskant ist die Lage?

Geusau: In den Industriestaaten ist es sicherlich noch keine Epidemie, dafür ist die Anzahl der Fälle zu gering. Abgesehen davon betrifft es vor allem eine bestimmte Risikogruppe: Männer, die Sex mit Männern haben.

STANDARD: Wie war das früher?

Geusau: Noch Anfang des 20. Jahrhunderts war Syphilis in der gesamten Bevölkerung häufig. Mit der Einführung des Penicillins kam es zu einer drastischen Abnahme. Die Krankheit wurde so selten, dass man 1999 in den USA sogar ein Eradikationsprogramm plante. Syphilis sollte ausgelöscht werden. Das jedoch ist nicht abzusehen – im Gegenteil. Laut Schätzungen der WHO gibt es weltweit jährlich zwölf Millionen Neuinfektionen, 90 Prozent davon in den Entwicklungsländern. Dort haben wir irre Fallzahlen.

STANDARD: Wie ist die Situation hierzulande?

Geusau: In Österreich gibt es eine gesetzliche Meldepflicht, aber leider publiziert das Bundesministerium für Gesundheit seit einigen Jahren keine Daten mehr. Die Hintergründe kenne ich nicht. Davor schwankten die jährlichen Zahlen. 2009 gab es 584 neue Fälle, ein Höchststand. Ein kontinuierlicher Trend war allerdings nicht erkennbar. Aus Deutschland wird ein ungebrochener Anstieg der Syphilisinfektionen berichtet. Es ist anzunehmen, dass die Situation in Österreich ähnlich ist.

STANDARD: Warum ist die Krankheit nur in den ersten Stadien ansteckend?

Geusau: Das Risiko einer Infektion durch einmaligen Sexualkontakt mit einem infektiösen Partner in der Frühsyphilis wird auf 30 bis 60 Prozent geschätzt und hängt unter anderem von der Zahl der übertragenen Erreger ab. Bei Schwangeren können die Keime auch intrauterin von der Mutter auf das Kind übertragen werden und zur sogenannten konnatalen Syphilis führen. Nach mehreren Wochen oder Monaten jedoch setzt die Antikörperproduktion durch das Immunsystem ein. Die Symptome bilden sich zurück und der Patient ist innerhalb von ein bis zwei Jahren nicht mehr infektiös.

STANDARD: Was passiert, wenn die Krankheit unbehandelt bleibt?

Geusau: Bei etwa zwei Drittel der Infizierten gibt es im weiteren Verlauf auch ohne Therapie keine Folgeerscheinungen. Sie bleiben lebenslang im asymptomatischen Spätlatenzstadium. Bei den Übrigen können nach Jahren Manifestationen des Tertiärstadiums auftreten, wie etwa eine Neurosyphilis oder Schäden am Herz-Kreislauf-System.

STANDARD: Lässt sich Syphilis auch im Spätstadium noch behandeln?

Geusau: Eine Neurosyphilis kann prinzipiell in jedem Krankheitsstadium auftreten, meistens jedoch setzt sie fünf bis 40 Jahre nach der Infektion ein. Die Behandlung erfolgt mit intravenös verabreichtem Penicillin. Der Erfolg hängt davon ab, welche Form der Neurosyphilis vorliegt. Wenn eine solche sich zum Beispiel in der frühen Phase als syphilitische Meningitis mit Hirnnervenbeteiligung manifestiert – das äußert sich oft durch akute Sehverschlechterung oder als Hörsturz -, kommt es nach der Therapie zur vollständigen Rückbildung der Symptome. Die Auswirkungen einer Neurosyphilis im Tertiärstadium dagegen können meist nicht durch eine Antibiotikatherapie rückgängig gemacht werden. Diese Schäden bleiben.

STANDARD: Wie könnte man die aktuelle Verbreitung der Syphilis ausbremsen?

Geusau: In erster Linie braucht es Aufklärung. Das Problem aber ist, dass gerade in Risikogruppen keine Vorkehrungen getroffen werden. (Kurt de Swaaf, 27.9.2017)

Alexandra Geusau ist Spezialistin für Geschlechtskrankheiten und Fachärztin für Dermatologie und Venerologie an der Medizinischen Universität Wien.

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