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Der Röntgenblick im Gebäude-Management

26. September 2017, 14:21

Virtuelle und erweiterte Realität halten Einzug im Facility-Management. Mit ihrer Hilfe können schon in der Planungsphase Prozesse im späteren Gebäude simuliert werden

Wien – "Die wahre Revolution ist, dass eine große Menge beschreibender Daten nur durch ein Bild ersetzt werden kann", sagt Thomas Wagner, Facility-Management-Experte an der TU Berlin. In seiner Branche ist die Digitalisierung sämtlicher Prozesse derzeit voll im Gange. Dazu gehört auch, dass Planung, Bau, Vermietung oder Verkauf, Betrieb und sogar Abriss von Gebäuden bereits jetzt und in Zukunft noch vermehrt durch Virtual und Augmented Reality unterstützt werden sollen.

Noch bevor ein Gebäude steht, können virtuell die Aufteilung der Räume und die Wahl der Materialien oder der Einrichtung simuliert werden. Auch Wartungszyklen lassen sich so planen und mit wenig Aufwand optimieren, so Wagner. Mitarbeiter können eingeschult werden, ohne dass sie das Gebäude real betreten müssen. Zudem lässt sich nachvollziehen, wie Menschen sich später durch das Gebäude bewegen werden. Das ist sinnvoll, um die Wirksamkeit eines Orientierungssystems zu überprüfen, sagt Architekt Moritz Mombour vom deutschen Beratungsunternehmen BIMwelt.

"Virtuell kann außerdem die Größe von Flächen ermittelt werden", sagt Wagner. Werden etwa Aufträge an Reinigungsfirmen vergeben, müssen diese nicht mehr durch das Gebäude gehen. "Dadurch kann schneller ein treffsichereres Angebot gemacht werden", sagt Wagner. "Das Reinigungsunternehmen weiß schon vorher, etwa wie viele Glasflächen zu reinigen sind", sagt Georg Wimberger, der mit seinem Unternehmen Realonaut derzeit an der Entwicklung eines Programms arbeitet, das mithilfe von 360-Grad-Kameras das Facility-Management bereichern soll.

Virtuelle Dokumentation

Damit werden schon bei der Planung eines Gebäudes und später im Bau täglich in jedem Raum die Fortschritte mit einem 360-Grad-Foto dokumentiert. "So lässt sich später genau nachvollziehen, wo etwa Rohre verlegt wurden", erklärt Wimberger. Mithilfe einer Zeitleiste kann der Fortschritt beobachtet werden – wenn man scrollt, wird eine Wand weniger bzw. mehr, erklärt Wimberger die Funktionsweise. Das Programm soll sowohl auf Desktop-PCs laufen als auch auf mobilen Geräten für all jene, die vor Ort auf der Baustelle unterwegs sind.

Ist ein Gebäude fertiggestellt und wird es in den Betrieb überführt, sorgt die virtuelle Dokumentation für größtmögliche Transparenz und Effizienz, sagt Mombour. Der Betreiber könne so beurteilen, was bestellt und tatsächlich erbracht wurde – und was nicht. "Diese Kenntnis ist die Grundlage für die Abnahme, Inbetriebnahme und die spätere Nutzung." Zudem könnten mögliche Mängel und der Zustand des Raumes genau festgehalten werden. "Ein ellenlanges Übergabeprotokoll und unzählige Fotos werden durch eine einzige Aufnahme ersetzt", so Wagner.

Schneller Fehler finden

Vor allem aber auch den Betrieb sollen erweiterte und virtuelle Realität maßgeblich unterstützen, etwa wenn es um die Wartung geht. "Wie bei einem Drucker bekommt man eine Fehlermeldung, die Information, wo sich der Fehler befindet, und eine virtuelle Anleitung, wie man diesen reparieren kann", erklärt Mombour. "Der Techniker begibt sich an die entsprechende Stelle und sieht auf dem mobilen Gerät, etwa welche Lampe getauscht werden muss und ob das Modell noch lagernd ist", erklärt Wimberger.

Die größte Herausforderung liege derzeit noch in den vielen unterschiedlichen Systemen. "Beim Bau eines Gebäudes fängt jeder Akteur wieder neu an, Daten zu sammeln", sagt Wimberger. Es brauche deshalb dringend" ein gemeinsames Gerüst und Standards, die miteinander kompatibel sind", findet Mombour.

Wimberger und sein Team arbeiten daran. Das Produkt, das sie derzeit entwickeln, ist eine Gesamtlösung und soll im Frühjahr fertig sein. Das Land Oberösterreich, der Flughafen Wien und Siemens Gebäudemanagement haben bereits Interesse daran bekundet. Es soll aber auch für kleinere Unternehmen leistbar sein, so Wimberger. (Bernadette Redl, 23.9.2017)