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Wenn wachsende Wälder das Klima belasten

29. September 2017, 07:30

Sozialökologen suchen nach versteckten Emissionen bei der Wiederaufforstung und blinden Flecken in der Klimaschutzpolitik

Wien – Der Wald wächst wieder. Während in industrialisierten Ländern lange Zeit abgeholzt wurde, wirkt man heute dem Schrumpfen der Holzbestände erfolgreich mit Wiederbewaldung entgegen. Das ist grundsätzlich eine gute Nachricht – so sieht es auch Simone Gingrich vom Institut für Soziale Ökologie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, das in Wien angesiedelt ist.

"Wiederbewaldung wird als Klimaschutzmaßnahme anerkannt, weil der Wald Kohlenstoff bindet", sagt Gingrich. Wenn man allerdings den Kontext berücksichtigt, zeige sich, dass Aufforstung oft erst dadurch möglich werde, dass Landwirtschaft intensiviert und vermehrt auf fossile Energieträger zurückgegriffen oder aber gleichzeitig mehr Holz importiert werde.

"Das ist ein blinder Fleck in der heutigen Klimaschutzpolitik", sagt Gingrich. Hier setzt ihr Forschungsprojekt an, das kürzlich einen der begehrten Starting Grants des Europäischen Forschungsrats ERC erhielt. Die Sozialökologin wird in den kommenden fünf Jahren "versteckte Emissionen" von Wiederbewaldungsprozessen untersuchen. Damit ist nicht vorwiegend der Ausstoß von umweltbelastenden Stoffen gemeint, die bei der Aufforstung selbst entstehen, sondern Emissionen, die auftreten, wenn auf andere Rohstoffe oder Energiegewinnungsmethoden ausgewichen wird.

Das erneute Wachsen der Wälder müsse aus einer ganzheitlichen Perspektive betrachtet werden, welche die menschliche Ressourcennutzung miteinbezieht, sagt Gingrich. Viele Theorien, die versuchen zu erklären, warum Wiederbewaldung aktuell wieder möglich ist, würden zu kurz greifen. "Es wird viel zu Industrialisierungsprozessen geforscht, und man stellt fest, dass der Druck auf Ökosysteme aktuell ein bisschen abnimmt", sagt Gingrich. Dies lasse sich daran ablesen, dass die Kohlenstoffbestände in den Ökosystemen steigen. Die Menschen verbrauchen also weniger biologische Ressourcen, gleichzeitig kommt aber vermehrt Kunstdünger zum Einsatz. "Diese Emissionen werden bilanziert, aber die Zusammenhänge werden nicht erkannt."

Solche blinde Flecken entstünden nicht durch Ignoranz, sondern durch ein zu strenges disziplinäres Aufteilen des Forschungsfeldes, meint Gingrich: Die einen betrachten die Emissionen, die anderen die Landnutzung. "Die Soziale Ökologie ist eine der wenigen Disziplinen, die beides berücksichtigen kann", sagt die Forscherin. "Sie bemüht sich um ein Verständnis für die physischen Interaktionen zwischen Gesellschaft und Natur."

Es ist nicht leicht, einem dermaßen positiv geprägten Bild wie dem Wachsen der Wälder Nachteile zu diagnostizieren. "Sich diese Komplexität einzugestehen, ist manchmal schmerzhaft, aber notwendig für effektiven Klimaschutz", sagt Gingrich. "Wiederbewaldung ist deshalb ja nicht schlecht, aber wir brauchen eine realistischere Vorstellung davon."

So könne es in manchen Fällen besser für das Klima sein, wenn man eine gewisse Abnahme von Wäldern in Kauf nehmen würde – etwa um Landwirtschaft in Kombination mit den Waldflächen zu betreiben -, anstatt den Wald zu belassen und auf anderen Flächen die Landwirtschaft mit Kunstdüngern zu intensivieren.

Gingrich erarbeitet daher ein Methodeninventar, das es ermöglichen soll, bestimmte Emissionen zu quantifizieren und gegeneinander abzuwiegen. Sie baut dabei auf zwei Grundkonzepten auf: Das Modell des "gesellschaftlichen Stoffwechsels" erlaube es, auf der Makroebene Indikatoren für Emissionen zu definieren. "Ich möchte dies mit der sogenannten Lebenszyklusanalyse kombinieren. Damit kann man einzelne Prozesse genauer betrachten", erklärt Gingrich. Ziel ist ein systemischer Blick, der dabei helfen soll, Forstwirtschaft und Klimaschutz noch besser aufeinander abzustimmen. (Julia Grillmayr, 29.9.2017)