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Usain Bolt: "Ich will einfach nur chillen"

2. Oktober 2017, 11:10

Usain Bolt ist der größte Sprinter aller Zeiten. Wir trafen ihn für ein paar schnelle Fragen in London

Der schnellste Mann der Welt lässt sich Zeit. Alle werden nervös. Denn der Zeitplan ist eng. Dann, endlich, ist es so weit: Usain St. Leo Bolt, leibhaftig, marschiert geschmeidig an der Hotelbar vorbei, ohne groß von den wartenden Journalisten Notiz zu nehmen. Zielgenau geht es in den "Spirit Room" des Londoner Luxushotels, wo der Jamaikaner noch die letzten Fragen der Medienmeute beantwortet. Es ist quasi die Nachhut. Denn mittlerweile sind drei Tage seit seiner Abschlussvorstellung bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in der britischen Hauptstadt vergangen. Eine Ära ging zu Ende.

Usain Bolt am 13. August in London.
foto: apa/afp/thuillier

Fünf Minuten gewährt der 31-jährige Sprinter jedem und keine Sekunde länger. Kein Smalltalk, keine Selfies, eine Mitarbeiterin startet auf ihrem Smartphone den Countdown beim Betreten des Raumes, in dem sich gefühlt zwanzig Personen befinden. In dieser Zeitspanne könnte der schnellste Mensch der Welt seinen vor acht Jahren in Berlin aufgestellten Weltrekord 25 Mal wiederholen. Damals lief er die hundert Meter in 9,58 Sekunden und beschleunigte dabei auf rund 45 km/h. Als er dann beim gleichen Event auch noch auf der 200-Meter-Strecke einen Weltrekord (19,19 Sekunden) aufstellte, war er endgültig zur Legende geworden. Seine Bilanz ist beeindruckend.

Er ist achtfacher Olympiasieger und elffacher Weltmeister. Ein Zahlenfetischist hat ausgerechnet: Seit Bolt 2002 erstmals ins Rampenlicht der Sportöffentlichkeit trat, drehte der Jamaikaner angeblich 148 Ehrenrunden in 48 Ländern, das sind 6,2 Kilometer Jubel, nur für ihn.

Comeback oder Ruhestand?

Jetzt reicht's ihm aber: Ab in die Sportlerpension, daran gibt es nichts zu rütteln. Ruhestand oder Comeback? "Ruhestand!", kommt wie aus der Pistole geschossen. Etwas zusammengesunken sitzt der knapp zwei Meter große, durchtrainierte Lulatsch in seinem Barhocker im Spirit Room vor der Logoleinwand eines seiner Sponsoren. Er trägt hautenge schwarze Jeans, ein schwarz-weißes Ringelpolo mit einem auffälligen roten Kragen, um den sich eine gestickte grün-weiße Schlange wickelt, Auge in Auge mit einer goldenen Biene. Es ist von Gucci, seiner Lieblingsmarke. "Ich mag das Label, es gefällt mir, was die machen, echt cool, die Schlangen und all das. Es passt zu mir", sagt Bolt.

Sonst sei er, was die Mode betrifft, eher der simple Typ. "Ich brauche nichts Lautes, die meiste Zeit trage ich Jeans, ein T-Shirt und ein Jackett – casual, chillig. Ich mag Fashion, aber sie spielt keine große Rolle in meinem Leben." Dazu die passende Uhr von Hublot, eine schwarze "Big Bang", die seinen Namen trägt, immerhin ist er Botschafter der Schweizer Uhrenmarke.

Ein Stück der Olympia-Laufbahn 2012 gab es für Usain Bolt im August in London.
foto: reuters/nicholson

London oder Kingston?

Alles in allem: stimmig für so einen bunten Hund, der nicht einmal in Lederhosen auf dem Oktoberfest lächerlich aussieht, den aber manche als den "schnellsten Clown der Welt" bezeichnen. Denn er war selbst bei wichtigen Wettkämpfen immer zu Späßchen aufgelegt. Spielte mit dem Publikum und machte Faxen in die Kamera, während sich seine Konkurrenten mit starrem Blick auf den vor ihnen liegenden Lauf konzentrierten.

Genauso locker hat er seine Konkurrenten abgehängt, selbst mit offenen Schuhbändern, wie weiland in Peking 2008. Die Siegerpose, der "Lightning Bolt" oder "Sterndeuter", ist sein Markenzeichen. Die Leute lieben ihn dafür. Wenn er das Stadion betrat, tobte das Publikum. Die Verehrung ging sogar so weit, dass sie in London nicht den Sieger des 100-Meter-Laufs, Justin Gatlin, bejubelten, sondern den Drittplatzierten, eben Bolt.

London oder Kingston? "Kingston – dort ist es wärmer." An den frischen Temperaturen im UK soll es gelegen sein, dass er sein Karriereende so verpatzte: Ein Krampf im Oberschenkel ließ ihn bei seinem letzten Rennen im Staffellauf stürzen. Die Bilder gingen um die Welt. Bolt dazu: "Auch Muhammad Ali hat seinen letzten Kampf verloren." Also was soll's? Wenn er sich zwischen Superman und Batman entscheiden müsste, wäre er aufseiten des tragischen Helden, also Batman. Außerdem braucht er niemandem mehr etwas zu beweisen.

Sex oder Rock 'n' Roll?

Zu Späßchen ist er heute nicht aufgelegt. Man merkt: Der Superstar möchte dem Trubel, der ihn 15 Jahre lang begleitet hat, entfliehen. Gin Tonic oder Cuba Libre? "Gin Tonic." Er wolle nur noch Spaß haben, brauche einen Drink und seine Familie, hatte er gesagt. Eine eigene Familie zu gründen, dazu drängt ihn seine Mama. Also Freiheit oder Ehe? Bolt überlegt kurz, grinst und sagt dann: "Freiheit."

Der Druck, den er sich selbst aufgebaut hat, ist weg. Auf zu neuen Ufern. Wie die aussehen könnten? "Keine Ahnung, gib mir sechs Monate, dann schauen wir weiter." In der Zwischenzeit: Chillen und Party. Dass er Letzteres genauso gut beherrscht wie das Sprinten, hat er oft genug bewiesen. Er liebt es zu tanzen, zu singen, den DJ zu geben. Er feiert mit den Stars: Heidi Klum, Sandra Bullock, Jay-Z. Hinzu kommt seine Vorliebe für Sportwagen japanischer Provenienz, PS-starkes Geschoß seiner Wahl: ein Nissan GT-R.

Der "Lightning Bolt", seine Geste des Triumphs: Für solche Späßchen liebte das Publikum Usain Bolt.
foto: ap photo / martin meissner

Sex oder Rock 'n' Roll? "Was für eine Frage? Sex", antwortet er sichtlich erheitert. Den muss er nicht zwangsläufig mit seiner Freundin (oder Doch-nicht-Freundin, die Klatschblätter sind sich nicht sicher) Kasi Bennett haben. Den Beweis dafür hat er auf Instagram selbst geliefert. Bolt sieht das alles locker, wie er in seiner Biografie Wie der Blitz erklärt: "Ich habe zwei Geschwister, aber wir alle haben andere Mütter, aber so sieht das Familienleben in Jamaika zuweilen aus." Wie gerne er auf den Putz haut, das zeigt auch die biografische Doku I Am Bolt, die 2016 erschien und das Leben des Ausnahmetalents auf die Leinwand brachte. Darin zu sehen sind intime Momente aus seinem Leben, sein engster und wichtigster Freundes- und Familienkreis, die Herausforderungen und auch seine Rückschläge. Aber in beinahe jeder Situation strotzt er vor Selbstvertrauen.

Rindfleisch oder Hendl?

"Rind. Auf Jamaika gibt's fast immer nur Hendl", erklärt der Ausnahmesportler. Ab jetzt mehr Steaks, wenn er es sich aussuchen kann. Die Frage nach dem Speiseplan kommt nicht von ungefähr. Er selbst meinte einmal, dass es möglicherweise am Huhn läge, dass er allen davonläuft. In Peking soll er sich mit Chicken Nuggets vollgestopft haben, tausend sollen es gewesen sein.

Das ist natürlich maßlos übertrieben, dennoch wetten seine Freunde schon darauf, wann er dick werden würde, jetzt, wo das harte Training vorbei ist. Sixpack oder Dad Bod? "Was soll das sein?" "Das ist die Wampe, die Männer ab einem gewissen Alter, vor allem Väter, kriegen. Das soll plötzlich sexy sein." "Echt?" Er schaut auf den Bauch seines Gegenübers und lacht amüsiert: "Definitiv Sixpack."

Geld oder Liebe?

Er richtet seinen muskelbepackten Körper dabei demonstrativ auf. Seiner Anatomie hat er es schließlich auch zu verdanken, dass er diese Fabelweltrekorde aufstellen konnte, darin sind sich die Experten einig. Während seine Größe von 1,95 Metern beim Start eher hinderlich ist, ermöglichen ihm seine 1,10 Meter langen Beine eine Schrittlänge von bis zu 2,95 Metern.

Bei seinem Weltrekord über 100 Meter in Berlin benötigte er nur 41 Schritte vom Start bis zur Ziellinie. Zu diesen körperlichen Voraussetzungen kommt seine Fähigkeit, auf den Punkt genau in Topform zu sein – und das trotz seiner krummen Wirbelsäule, leidet Bolt doch unter Skoliose. "Langsam war Usain nur bei seiner Geburt", scherzt seine Mutter, Jennifer Bolt. "Aber bereits mit zehn Jahren hat er mich abgehängt", sagt die ehemalige Sprinterin.

Usain Bolt, für manche der "schnellste Clown der Welt" , beherrscht wie kaum ein anderer Sportler das Spiel mit der Kamera.
foto: hublot

Wenn es um das Thema Finanzen geht, braucht man sich um den Superstar jedenfalls keine Sorgen zu machen. Mit Auftritten, Preisgeldern und Sponsoren verdient er 32,5 Millionen Dollar im Jahr. Laut Forbes ist er damit der mit Abstand bestbezahlte Leichtathlet. All jene Marken, die ihn während seiner aktiven Zeit unter Vertrag hatten, wollen ihn weiterhin verpflichten.

Puma könnte sich vorstellen, ihn mehr in Richtung Lifestyle zu positionieren, Hublot plant schon eine neue Serie der "Big Bang". Puma ist Bolt immer noch vier Millionen Dollar wert, Hublot gibt keine Details bekannt. Müsste er sich allerdings zwischen Geld und Liebe entscheiden, würde er die Liebe wählen. Ein Romantiker ist er also auch noch. (Markus Böhm, RONDO, 29.9.2017)

Posieren in der Lederhose: Bolt beim Oktoberfest 2016.
foto: ap/dpa/hoerhager
Der Trailer zur Doku "I am Bolt".
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Die Reise nach London erfolgte auf Einladung von Hublot.