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Shoppingcenter: "Einkaufen allein ist langweilig"

4. Oktober 2017, 07:43

Gutes Essen spielt für viele Menschen eine immer größere Rolle. Diesen Trend haben auch Shoppingcenter-Betreiber erkannt, sie gestalten ihre Gastroflächen um

"Gastrotail" ist das Schlagwort. Gemeint ist, wenn Gastronomie und Retail sich zusammentun. Eine solche Verbindung kann zuletzt vor allem in Shopping centern beobachtet werden, denn die Essensangebote in Einkaufszentren werden immer bedeutender. Warum?

"Der Modehandel wandert zunehmend ins Internet. Aus diesem Grund spielt die Gastronomie in Einkaufszentren eine immer größere Rolle", sagt Annette Mützel vom deutschen Beratungsunternehmen Foodservice Solutions. In Shoppingcentern wird also nach wie vor primär eingekauft, allerdings wachsen die Quadratmeterzahlen von Restaurants drastisch, manche haben die Flächen sogar verdoppelt, weiß Mützel. "Shopping bedeutet heute viel mehr. Einkaufen allein ist langweilig. Die Menschen wollen zwischendurch Pausen machen. Dafür braucht es eine hohe Aufenthaltsqualität und eine angenehme Atmosphäre in Shoppingcentern." Einkaufen wird also zum Erlebnis.

Shopping als Treffpunkt

Das bestätigt auch Sebastian Schneemann, Center Manager des Kaufhaus Tyrol in Innsbruck. Der Treffpunktcharakter sei das Wichtigste. "Die Leute wollen sich wohlfühlen, sich treffen und verweilen." Das haben auch Marketingabteilungen von Einkaufszentren erkannt. Immer öfter werden Aktivitäten angeboten, etwa Modeschauen oder Nachtshopping. Auch die Gastronomie müsse sich daran anpassen. In den menschlichen Kontakten, die beim Online-Shopping fehlen, sieht Schneemann den größten Mehrwert beim Einkaufen im Shoppingcenter.

Neben dieser Komponente liegt für Mützel ein weiterer gesellschaftlicher Trend klar auf der Hand, der die Food-Strategien in Einkaufszentren nachhaltig verändern wird. "Zukunftsinstitute prophezeien, dass nicht mehr nur durch Mode der persönliche Stil ausgedrückt werden kann, sondern auch durch Essen – man nehme nur Food-Blogs, Pop-up-Food-Angebote und die vielen Fotos von Essen auf sozialen Netzwerken als Beispiel", so die Expertin. Das Thema Ernährung nehme in der Gesellschaft einen immer höheren Stellenwert ein. "Food steht immer mehr für Erlebnis und Spaß. Essen ist ein Lifestyle geworden und ein Megatrend, der nicht aufzuhalten ist", sagt Mützel.

Das wirke sich auch auf den Mietermix der Gastro-Zeilen in Einkaufszentren aus, weiß Schneemann. "Es gibt eine unwahrscheinliche Vielfalt an Angeboten. Auch klassische Food-Court-Betreiber müssen umdenken. Das Angebot muss gesund, wertig, teilweise vegan und regional sein." Dennoch würden kleinere Center immer noch vor allem Fastfood anbieten, weiß Mützel. Doch diese Angebote, die vor allem aus Snacks bestehen, seien keinesfalls der Schlüssel zum Erfolg. "Heutzutage muss man die ganze Bandbreite bieten", sagt sie. Der Anspruch liege ja auch darin, die Menschen zum Verweilen einzuladen, sie zu verführen. "Es geht nicht mehr darum, schnell satt zu werden. Die Kunden sollen es sich gutgehen lassen können." Ein Einkaufszentrum brauche daher sowohl bekannte Markengastronomie als auch individuelle, kleine und regionale Lokale. Der Trend zur Regionalität ist auch in Shoppingcentern spürbar.

Fine Dining

Aus diesem Grund sind auch Bedienrestaurants und sogenanntes "Fine Dining" in Shoppingcentern auf dem Vormarsch. "Denn Einkaufen ist manchmal auch stressig, da setzt man sich gerne hin, um runterzukommen, und lässt sich bedienen. Wenn Ambiente und Atmosphäre stimmen, man einen Zeitgeist spürt, die Einrichtung etwa aus Naturmaterialien und nicht aus Plastik ist, fühlen die Menschen sich wohl. Hier geht man auch gerne ‚gut‘ essen", sagt Mützel. Ein gutes Restaurant in einem Einkaufszentrum? In Zukunft also kein Widerspruch mehr, so die Experten.

Im Kaufhaus Tyrol sei man jedenfalls auf die neuen Trends eingegangen, berichtet Schneemann. Dahinter liegt natürlich auch ein wirtschaftliches Ziel. In mehreren Stockwerken wurden gastronomische Angebote geschaffen. "Bei insgesamt sechs Stockwerken Verkaufsfläche ist es eine hohe Kunst, die Kunden nach oben zu ziehen und sie dort auch zu halten", erklärt Schneemann.

Schon durch einen Umbau im Vorjahr habe man es außerdem geschafft, den Leuten mehr Freiraum zu geben und Sitzflächen, um die Aufenthaltsqualität zu erhöhen, "die Leute nehmen das sehr gerne an". Schneemann weiß: "Im Shoppingcenter geht es auch viel um das Sehen und das Gesehenwerden." (Bernadette Redl, 4.10.2017)