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Der geplatzte Traum vom Wasser im Norden Brasiliens

28. September 2017, 09:00

Die Umleitung des Rio São Francisco ist nach zehn Jahren fast fertiggestellt. Das umstrittene Megaprojekt sollte den trockenen Nordosten mit Wasser versorgen. Doch der Strom droht auszutrocknen. Die Menschen leiden unter der Dürre und den Umweltschäden

Hunderte Menschen umringen Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Sein rotes Hemd ist durchgeschwitzt, immer wieder reckt er die Faust in die Höhe. Es ist flirrend heiß und staubtrocken in der Stadt Monteiro im Nordwesten Brasiliens. In dem Gedränge wird ein Kübel Wasser über die Köpfe der Massen hinweg balanciert. Unter Jubelrufen taucht der populäre Linkspolitiker seine Hände in das Nass. Der Traum vom Wasser scheint für die Bewohner endlich wahr geworden zu sein. Sie feiern die Einweihung eines so gigantischen wie umstrittenen Jahrhundertprojekts.

Vor zehn Jahren kündigte Lula das gewaltige Bewässerungssystem für die Dürregebiete im Nordosten an. Dafür wurde der Rio São Francisco, mir rund 3.000 Kilometern einer der längsten Ströme Brasiliens, umgeleitet. Über zwei Hauptkanäle und zahlreiche kleinere Nebenachsen soll das Wasser die halbwüstenartige Landschaft des Sertão zum Blühen bringen. Ein Hauptkanal reicht 217 Kilometer bis Monteiro, das zweite 260 Kilometer lange künstliche Flussbett soll im Dezember eingeweiht werden.

Die Wasserarmut im Sertão hat in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder zu Konflikten und zur Abwanderung von zehntausenden Menschen geführt. Rund zwölf Millionen Menschen würden von dem Wassersegen profitieren, so das Versprechen von Lula. Für die Warnungen von Umweltschützern hatten weder er noch seine Nachfolgerin Dilma Rousseff ein offenes Ohr. Das Vorhaben gehöre zu den 50 größten Infrastrukturprojekten der Welt, betonten sie stolz. Doch die Folgen dieses Entwicklungsmodells sind allerorts zu spüren.

São Francisco verebbt

So sehr für die Bewohner von Monteiro und umliegender Ortschaften der Kanal ein Segen ist, gräbt er anderen Gegenden das Wasser ab. Schon lange ist der Velho Chico, wie der São Francisco liebevoll genannt wird, kein reißender Fluss mehr. Vielerorts gleicht er einem Rinnsal, im Flussbett machen sich Sandbänke breit. Viele Zuflüsse aus dem Amazonas verebben. Das Klima hat sich verändert, dafür ist auch die hemmungslose Abholzung des Regenwaldes verantwortlich. So ist der riesige Stausee des Kraftwerks Três Marias am Flussoberlauf nur noch ein Teich.

Ebenso dramatisch ist die Situation weiter im Norden. Hier macht den Bewohnern die größte Dürre seit mehr als 50 Jahren zu schaffen. Die rund 50.000 Einwohner der Stadt Remanso im Bundesstaat Bahia lebten von Fischfang und Landwirtschaft. Der Stausee Sobradinho, mit 380 Kilometern Länge einer der größten des Landes, war ihre Lebensader. Inzwischen ist der künstliche See nur noch zu neun Prozent seiner Kapazität gefüllt. Für rund 830 Gemeinden musste die Regierung schon den Notstand ausrufen.

"Eine reine Palliativmaßnahme"

Eine Wüste hat sich zwischen Remanso und dem verbliebenen Wasser gebildet. Der ehemalige Fischer Carlos Filho zeigt, wo einmal die Boote lagen. "Es gibt keinen Fischfang mehr und auch keine anderen Jobs, fast jeder hier ist ohne Arbeit und ohne Geld", sagte der 59-Jährige. Auch die meisten Wasserhähne in Remanso bleiben trocken. Die Stadtverwaltung versorgt die Bewohner mit rationiertem Wasser aus Tankwagen. "Eine reine Palliativmaßnahme", winkt Filho ab.

Ihren Augen wollten die Einwohner nicht trauen, als sich eines Morgens inmitten des Stausees die Ruinen der alten Gemeinde Remanso erhoben. 1974 wurde der Ort mit dem Bau des Stausees sieben Meter unter Wasser gesetzt. Jetzt hat die Dürre ihn wiederauferstehen lassen. Filho blickt in Richtung der ehemaligen Hauptstraße und läuft aufgewühlt zu dem Ort, wo sein Elternhaus liegen müsste. In den Händen hält er vergilbte Fotos.

Mit der "Revitalisierung" des Rio São Francisco sollten auch Abwassersysteme und Kläranlagen gebaut werden. In Remanso und anderen Orten lassen sich die Bauruinen besichtigen. Abwässer versickern im Boden, auf denen Bauern ihr weniges verbliebenes Vieh weiden lassen. Sie wissen zwar, dass der Boden giftig ist, sehen aber keine andere Chance.

Die Stimmung hat sich auch in Brasilien gedreht: Brasilianische Medien, die vorher euphorisch über die Umleitung des Rio São Francisco berichteten, schreiben inzwischen von dem größten Milliardengrab in der Geschichte Brasiliens. Rund 9,6 Milliarden Real (etwa drei Milliarden Euro) verschlang das Kanalsystem bislang, und es ist noch lange nicht fertig. (Susann Kreutzmann aus São Paulo, 27.9.2017)