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Russlands langer Weg zur Mülltrennung

28. September 2017, 19:38

In 13 Städten des Moskauer Umlands läuft seit dem Sommer ein Pilotprojekt, um Recycling zu forcieren

"Wir sind in einer schweren, einfach unerträglichen Lage. Nur 200 Meter von unseren Häusern, von Kindergärten und der Poliklinik entfernt, ja keine 20 Kilometer weit weg vom Kreml befindet sich die größte Müllhalde des gesamten Moskauer Gebiets", klagte Jelena Michailenko bei der TV-Fragestunde des russischen Präsidenten. Schmutzige Luft und Gestank, Lärm und tägliche Brände – all das beklagen die Einwohner der Moskauer Satellitenstadt Balaschicha seit Jahren.

Die Szene war genau choreografiert und Wladimir Putin bestens vorbereitet: Er kündigte als Pilotprojekt den Bau von vier neuen Müllverarbeitungsanlagen "mit japanischer Technologie" an, drei davon im Gebiet Moskau. Für die Müllhalde Kuptschino in Balaschicha werde ebenfalls eine Lösung gefunden, versprach er. Die Lösung war radikal: Die Anlage, die zuvor innerhalb von 50 Jahren auf eine Größe von 50 Hektar angewachsen war, wurde wenige Tage darauf geschlossen.

Diese Aktion erwies sich allerdings eher als Stegreifmaßnahme, aus der Welt ist das Problem damit nämlich nicht: Laut Greenpeace werden allein in Moskau jährlich elf Millionen Tonnen Hausmüll entsorgt. Dazu kommen offiziell 13 Millionen Tonnen Bauschutt, doch selbst der Umweltminister der Moskauer Region, Alexander Kogan, schätzt die echte Zahl auf das Zwei- bis Zweieinhalbfache. Seit Juni wachsen überall im Umland Deponien. "Allein in der letzten Zeit haben wir über 70 illegale Deponien ausgemacht, wo der Bauschutt und die abgetragene Erde aus Moskau hingefahren werden", klagte er. Einzige Lösung sei ein umfassendes Recyclingsystem, forderte Kogan.

Dazu will die Regierung die seit langer Zeit geplante Mülltrennung forcieren. Eigentlich gab es bereits zu Sowjetzeiten eine Sekundärrohstofferfassung. Doch das System zerfiel zusammen mit der UdSSR. Einzig Metallschrott wird nach wie vor aufbereitet.

14.000 Großdeponien

In 13 Städten des Moskauer Umlands läuft seit dem Sommer ein Pilotprojekt, darunter auch in Balaschicha. Für die 450.000 Einwohner wurden aber nur 30 Stellen eingerichtet, in denen es Container für Plastik, Metall, Papier und Glas gibt. Teilnehmen an dem Programm sollen aber nicht nur die Bürger, sondern auch die Wirtschaft. Die Handelskammer der Stadt unterstützte die Initiative.

Das Experiment soll später auf das gesamte Land ausgeweitet werden, um die rund 14.000 Großdeponien, die eine Fläche so groß wie Zypern einnehmen, zu entlasten. Schon im Herbst will die Duma das Gesetz zur Mülltrennung verabschieden. Umweltminister Sergei Donskoi kündigte an, die Russen über den Geldbeutel zum Umweltschutz zu erzielen. Wer sortiert, kann auf eine Senkung der Mietnebenkosten hoffen.

Wie schnell die Mülltrennung tatsächlich umgesetzt wird, bleibt abzuwarten. Immerhin müssen nicht nur die Bürger umerzogen, sondern auch eine gewaltige Infrastruktur aufgebaut und bezahlt werden. Statt der weitverbreiteten Müllschlucker im Haus müssen Containerplätze vor den Wohnhäusern aufgebaut werden, von wo aus der Müll dann in Recyclinganlagen geht. (André Ballin aus Moskau, 29.9.2017)