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Gedichtanalysen in vier Sprachen, aber keinen Tau von Geld

2. Oktober 2017, 07:00

Experten und Bevölkerung sind sich einig, dass Wissen über Geld wichtiger ist als Wissen über Gesundheit

Wien – "Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen." Es sind Aussagen wie diese von der 17-jährigen Naina, die zeigen, dass es um das Grundwissen in Geldangelegenheiten oft schlecht bestellt ist. Nachhaltig verändert haben in den vergangenen Jahren aber weder solche Aussagen etwas noch der Aufschrei vieler Experten.

Dabei wäre der Handlungsbedarf groß. Laut einer Studie des Assetmanagers Union Investment schätzen nur fünf Prozent der 600 befragten deutschen Experten (Politiker, Journalisten, Lehrer, Verbraucherorganisationen und Finanzberater) den Wissensstand der Bevölkerung bei Finanzthemen aktuell als gut oder sehr gut ein. 19 Prozent sehen mangelhaftes oder ungenügendes Wissen.

Kritische Junge

Anders sehen das die 1014 telefonisch befragten Bürger: Jeder zweite Deutsche bewertet sein Wissen beim Thema Geld und persönliche Finanzen als gut oder sehr gut. Nur die jüngeren – die also noch wenig Finanzerfahrung haben – sehen das kritischer. Offen bleibt jedoch, ob die Experten das Wissen der Bevölkerung unterschätzen oder die Bürger sich bei diesem Thema überschätzen. Das Überraschende bei den Ergebnissen ist aber, dass die von Experten festgestellten Wissenslücken "den eigentlich Betroffenen im Alltag möglicherweise gar nicht auffallen", sagt Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender von Union Investment. Das könnte die Betroffenen auch teuer zu stehen kommen.

Einigkeit gibt es laut der Studie unter Experten und Bürgern aber bei der Frage nach der Wichtigkeit des Themas Geld und Finanzen. Befragt nach der Relevanz von Bildungsbereichen schätzen beide Gruppen den Bereich Finanzen als jenen mit der höchsten Relevanz ein. Danach folgen die Bereiche Gesundheit, Politik, Ernährung, Handwerk, Ökologie, Sport, Smartphones und Mode.

Altersvorsorge und Schulden

Die größten Defizite verspüren die Deutschen, wenn es um Themen wie Altersvorsorge (89 Prozent), Zinsen und Schulden, Ratenzahlungen und Haushaltsbudget (79 Prozent), Zinsen und Sparen (76 Prozent) oder Versicherungen (72 Prozent) geht. "Mangelndes Wissen über das Thema Geld und Finanzen zieht sich wie ein roter Faden durch die Biografien vieler Menschen", sagt Reinke. In jeder Altersstufe rückten unterschiedliche Fragestellungen in den Mittelpunkt. Zudem fällt beim Vergleich zwischen den Antworten der Experten und der Gesamtbevölkerung auf, dass zusätzliches Wissen über das Thema Geldanlage mit Aktien und Fonds von jedem zweiten Experten (53 Prozent), aber nur von jedem dritten befragten (33 Prozent) Bürger als wichtig erachtet wird.

Woran liegt es also, dass die befragten Experten beim Thema Finanzbildung zu einem so kritischen Urteil kommen? Als größte Hindernisse sehen sie laut der Studie die unzureichende Behandlung des Themas in der Schule (52 Prozent), mangelnde Wissensvermittlung im Elternhaus (50 Prozent) und fehlende Eigenverantwortung junger Menschen (48 Prozent). Als nicht positiv besetztes Lifestylethema benennt knapp die Hälfte der befragten Experten "Desinteresse" als weiteres großes Hindernis.

Luft nach oben bei Schulen

Besonders umstritten ist die Rolle der Schule. Nur jeder dritte Befragte (36 Prozent) gibt an, dass ihm wichtiges, auch heute noch relevantes Finanzwissen in der Schule vermittelt wurde. 73 Prozent der Bevölkerung wünschen sich eine bessere Verankerung der Finanzbildung bereits in unteren Jahrgängen, 61 Prozent fordern dafür ein eigenes Schulfach.

Aber auch die Erwachsenenbildung wird als wichtiger Baustein angeführt. Vier von fünf Befragten (83 Prozent) halten es für chancenreich, das Thema Finanzbildung über innerbetriebliche Maßnahmen zu fördern. Dass die Finanzbildung als Teil des Arbeitsverhältnisses gesehen wird, überrascht. Hier anzuknüpfen könnte laut Reinke aber ein Baustein sein auf dem Weg zu einer verbesserten Bildung in Geldthemen.

Dass es um die Finanzbildung der Österreicher ebenfalls nicht bestens bestellt ist, hat zuletzt auch eine Studie der Wiener Börse gezeigt. Dabei gaben 48 Prozent der Befragten an, sich in Wirtschaftsfragen nicht gut auszukennen, weitere drei Prozent konnten oder wollten dazu keine Antwort geben. Gleichzeitig gaben aber 83 Prozent an, dass sie gutes Finanzwissen als wichtige Voraussetzung für Aktieninvestitionen ansehen. (Bettina Pfluger, 28.9.2017)