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Jeff Jarvis: Altes Journalismusmodell in neuer Ära bringt "Mist"

28. September 2017, 08:45

Autor und Wissenschafter: Disruption erfordert neue Geschäftsmodelle für klassische Medien – Gegen Content-Regulierung von Facebook und Co

Wien – Klassische Geschäftsmodelle für traditionelle Medien greifen nicht mehr in einer "Zeit des Wandels", das ist der Befund des US-amerikanischen Journalisten und Wissenschaftlers Jeff Jarvis. Bei einer ORF-Veranstaltung am Mittwoch hielt er aber wenig davon, darauf mit Content-Regulation der digitalen Riesen zu reagieren.

Beim "ORF-Dialogforum" zum Thema "Verantwortung in der digitalen Welt" beurteilte Jarvis ("What would Google do") die viel diskutierte Gefahr durch den Vormarsch der "sozialen Medien" differenziert. "In einer Zeit des Wandels gibt es Angst und die Anstrengungen, an der Vergangenheit festzuhalten. Das Internet hat das Geschäftsmodell der Massenmedien gekillt. Wenn wir versuchen, dieses alte Modell in die neue Situation zu pressen, bekommen wir Mist."

Online-Riesen kein Problem an sich

Mit "Mist" meint er etwa den "Click-Bait"-Journalismus: "Der hat Trump gemacht. Zu glauben, es ist unser gottgegebenes Recht, weiterzuarbeiten wie im vergangenen Jahrhundert – das ist Hybris, das ist falsch", appellierte Jarvis an die Medien, sich von der Idee der "Masse" als Publikum zu verabschieden. Man müsse die User als Individuen akzeptieren.

Auch die viel beschworene Übermacht der Online-Riesen sieht Jarvis nicht prinzipiell problematisch. "Die Frage ist nicht, wie groß – die Frage ist, was mit dieser Macht gemacht wird." Netzwerke hätten eine "Demokratisierung von Content" und auch für Werbung bewirkt. Das sei gut, öffne aber zugleich Möglichkeiten für Manipulation. Dies müssten die Institutionen erkennen und sich davor schützen.

Facebook als Nachrichtenplattform: Zufall

Max Schrems – der Jurist wurde bekannt durch seinen Datenschutz-Rechtsstreit gegen Facebook – sieht im Agieren der großen Onliner eine "Entdemokratisierung im Sinne, dass der Rechtsstaat nicht mehr gilt. Diese Konzerne entziehen sich massiv der Demokratie." Doch "kapitalistische Systeme funktionieren nur, wenn sie ordentlich reguliert sind".

Dem ORF YouTube-Aktivitäten zu verbieten, während Russia Today dort jede Menge Content verbreiten dürfe, sei widersinnig, meinte Schrems. "Warum gibt es keine Must-Carry-Regelung für Facebook – zum Beispiel, dass zehn Prozent des Newsfeeds aus Nachrichten bestehen müssen?" Das wiederum hielt Jarvis für gar keine gute Idee: Keinem Unternehmen, egal ob klassisches Medium oder Netzwerk, sollte Content vorgeschrieben werden. Überhaupt: "Facebook war nie als Nachrichtenplattform geplant – das ist zufällig passiert."

Wrabetz plädiert für "Schulterschluss

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz warnte vor Möglichkeiten, den demokratischen Meinungsbildungsprozess zu beeinflussen. Für traditionelle Medien bestehe eine "zweifache Herausforderung": "Wie können wir uns vermitteln, wie organisiert sich ein Markt, so dass man auf den Plattformen überhaupt noch auffindbar ist? Und welche Methoden können wir als Medien entwickeln, um Beeinflussungen unserer Demokratie zu begegnen?"

Da in Österreich bereits die Hälfte des Online-Werbevolumens zu "Facebook, Google & Co." wandere, müsse man auch Lösungen dafür finden, "wie wir journalistische Arbeit in Zukunft noch finanzieren können". Hier seien "alle Medien gefordert", plädierte Wrabetz einmal mehr für einen "Schulterschluss". (APA, 28.9.2017)