Foto: Michael Petraglia

Prähistorische Skelette aus Afrika verweisen auf überraschende Verwandtschaften

28. September 2017, 14:43

Ostafrikanische Hadza könnten die engsten Verwandten jener Gruppe sein, die einst auszog, um die Welt zu besiedeln

Jena – Afrika gilt als die Urheimat der Menschheit und war daher ungleich länger vom Homo sapiens besiedelt als die anderen Kontinente. Eine potenzielle archäologische Fundgrube also – bei der Erforschung der afrikanischen Menschheitsgeschichte machte die schlechte Erhaltung der DNA der Wissenschaft aber oft einen Strich durch die Rechnung.

Genetisches Material, wie man es in Knochen und Zähnen uralter Skelette finden kann, degeneriert im feucht-warmen Klima Afrikas schneller als in kalten Regionen. Selbst aus verhältnismäßig junger Vergangenheit liegen daher nur wenige verwertbare Funde vor.

Großstudie

Wie das Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte berichtet, gelang es Forschern des Instituts zusammen mit Kollegen aus Südafrika, Malawi, Tansania und Kenia nun, einige Wissenslücken zu stopfen. Den Forscher konnten aus 15 Skeletten von Ureinwohnern Subsahara-Afrikas DNA gewinnen und untersuchen. Die analysierten Individuen stammen aus unterschiedlichen geographischen Regionen des Kontinents und sind zwischen 500 und 8.500 Jahre alt.

Anschließend verglichen die Forscher diese alten Genome – zusammen mit dem bisher einzigen anderen bekannten alten Genom aus Afrika, welches 2015 sequenziert und publiziert worden war – mit Genomen aus heutiger Zeit. Rund 600 davon stammten von heute lebenden Menschen aus 59 unterschiedlichen afrikanischen Populationen, 300 weitere aus 142 nicht-afrikanischen Populationsgruppen. So konnte das Team einige überraschende Erkenntnisse über die Besiedlungsgeschichte Afrikas gewinnen.

Die neolithische Revolution

So zeigten sich etwa Unterschiede im Übergang vom Jäger-und-Sammler-Stadium zur Landwirtschaft. Archäologische Funde aus Kenia und Tansania weisen darauf hin, dass dort die Vermischung dieser beiden Kulturen respektive der Völker, die auf die jeweilige Art lebten, erst nach einer längeren Zeit der Koexistenz stattfand. "Wir glauben, dass Ackerbauern und Jäger-Sammler zunächst nebeneinander herlebten und dabei kaum eine genetische Mischung stattfand", sagt Max-Planck-Forscherin Nicole Boivin.

Im Gebiet des heutigen Malawi lief der Prozess offenbar etwas anders ab. Die Studie lieferte Anhaltspunkte dafür, dass die alten Jäger und Sammler, die dort vor 2.500 bis 8.000 Jahren lebten, ganz verschwanden. Sie scheinen keinen genetischen Beitrag zu den später bzw. bis heute dort lebenden Menschen geleistet zu haben. Dazu Boivin: "Scheinbar hat in Malawi eine fast komplette Ersetzung der ortsansässigen Population von Jäger-Sammlern durch die einströmenden Ackerbauern und Viehzüchter stattgefunden."

Mögliche Cousins von Europäern und Asiaten

Die Studie beleuchtet auch die Ursprünge einer einzigartigen Bevölkerungsgruppe aus Ostafrika: Die Hadza leben im heutigen Tansania und umfassen weniger als 1.000 Menschen. "Die Hadza unterscheiden sich heute phänotypisch, genetisch und auch sprachlich von anderen afrikanischen Bevölkerungsgruppen. Es gab daher Spekulationen, dass diese Gruppe eine frühe Abspaltung anderer afrikanischer Populationen repräsentieren könnte", sagt David Reich von der Harvard Medical School, einer der Hauptautoren der Studie.

Die genomischen Vergleiche legen aber nun eine andere Erklärung nahe: Nämlich dass die Hadza genetisch näher mit heute lebenden Bevölkerungsgruppen außerhalb Afrikas verwandt sind als mit afrikanischen Gruppen. Hieraus folgern die Forscher, dass die Hadza direkte Nachkommen jener Gruppe sein könnten, die vor rund 50.000 Jahren aus Afrika aufbrach und die Welt besiedelte.

Die Evolution läuft weiter

Darüberhinaus lieferte die Studie einmal mehr Hinweise darauf, dass die Evolution des Menschen noch keineswegs an einem Endpunkt angelangt sein muss. Die Forscher fanden nämlich relativ junge genetische Anpassungen an die Umwelt: Eine Jäger-Sammler-Gruppe, deren Ahnen durch die einströmenden Ackerbauern in die Kalahari-Wüste abgedrängt worden waren, entwickelte dort einen verbesserten Schutz vor ultravioletter Strahlung.

Nach Auffassung der Forscher zeigen solche relativ jungen genetischen Anpassungen, dass sich der Mensch kontinuierlich an neue und veränderte Lebens- und Umweltbedingungen anpasst – auch heute noch. (red, 28. 9. 2017)