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Pro & Kontra: Herrensauna

3. Oktober 2017, 20:00

Schwitzend unter seinesgleichen

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Pro

von Wolfgang Weisgram

Fünfundzwan... Nein: So deppert, längenmessend, sollte man nicht einmal eine Condemnatio des maskulinen Saunierens anheben lassen. Geschweige denn die überfällige, um nicht zu sagen: überstandige Laudatio. Was will denn der Mann? Er will unter sich sein! Und so, um sich seinesgleichen, ist er bei sich. Deshalb muss er nicht, wie alltags, in sich hineinfressen, sondern geht wie nichts aus sich heraus, ohne dabei aber gleich außer sich zu geraten.

Unter sich entwickelt sich das ungezwungen-bloße Du-und-Du der, wenn schon nicht reinen, so doch gereinigten, herausgeschwitzten Vernunft. Unlängst war etwa von Kant die Rede und den Königsberger Klopsen, die daheim schon auf dem Herd stünden. Einem anderen gingen Goethe und seine Adepten nicht aus der blühenden Fantasie. Und Kurt – ein Schlingel, gewiss – schwor Stein, Bein und was weiß ich, sein Gesamt-Nietzsche habe 25 Zentimeter. Von der Geburt der Tragödie bis zum Jenseits von Gut und Böse. Dünndruck! Wir sind uns sicher, Matti wollte gerade beginnen, darüber zu reden. Er hat sich nur Mut angetrunken.

Kontra

von Christoph Prantner

Ein Meter neunzig. 120 Kilo. Überall Haare. Und schweigsam, sehr schweigsam. Herr Matti saß da in der verrußten Holzhütte und schwitzte. Es war ein heller Sommerabend an diesem See, dessen Namen sich keiner von uns merken konnte. Die Damensauna befand sich in Ruf-, aber nicht in Sichtweite. Die Herren waren unter sich.

Auf einmal brach es aus Matti heraus: "Drinks", brummte er und hob sein Fläschchen Lapin Kulta. Keiner wollte widersprechen, in Suomis Saunas schien Saufen Standard zu sein. Vor der Tür lagerte Lapplands Gold kistenweise. Wir hielten uns beherzt an Mattis Befehl und wagten auch nicht nachzufragen, als er plötzlich begann, mit frisch geschnittenen Birkenzweigen im Wasserkübel zu rühren.

"Healthy", knurrte Matti, als er sie dem Ersten von uns mit Schmackes über den Rücken zog. Dem zartbesaiteten Kollegen, einem Franzosen, schoss Wasser in die Augen. Nach einer Schrecksekunde besann sich der Slowene, er stammelte: "Hot!" Splitternackt rannten wir über den Steg und sprangen in den rettenden Polarsee. Matti blieb sitzen. (Rondo, 3.10.2017)