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Ökonomen: US-Steuersenkung setzt Europa unter Zugzwang

28. September 2017, 18:16

Die USA wollen die weltweite Besteuerung von Unternehmensgewinnen abschaffen und die Ertragssteuern senken. Einige Experten erwarten mehr Steuerwettbewerb

Wien – Bei den wichtigen Washingtoner Thinktanks hat das große Rechnen begonnen. Die Republikaner und Präsident Donald Trump haben in der Nacht auf Donnerstag Details zu ihren lang erwarteten Plänen für eine umfassende Steuerreform präsentiert.

Geplant sind billionenschwere Steuererleichterungen für Haushalte und Unternehmen sowie zahlreiche Maßnahmen zur Gegenfinanzierung. Aber viele Informationen fehlen noch, das Reformpapier der Republikaner ist gerade einmal neun Seiten lang, weshalb Ökonomen und Analysten die Effekte derzeit nur schätzen können. Was sind nun also die konkret geplanten Maßnahmen, wer profitiert soweit absehbar – und wie beeinflussen die Pläne Europa?

Wohlhabende US-Bürger sowie große US-Unternehmen dürfen sich auf spürbare Steuererleichterungen freuen. Die vom Bund eingehobene Unternehmenssteuer soll von derzeit 35 auf 20 Prozent abgesenkt werden. Die Steuertarife werden umgekrempelt. Statt sieben Stufen von zehn bis 39,7 Prozent soll es künftig nur drei Stufen von zwölf bis 35 Prozent bei der Einkommenssteuer geben.

Erbschaftssteuer fällt

Die Erbschaftssteuer wird abgeschafft, wobei diese schon bisher nur eine kleine Gruppe von Menschen betraf. In den USA gilt eine Freigrenze von aktuell 5,4 Millionen US-Dollar. Bis zu diesem Betrag wurden Erben schon bisher nicht belastet.

Abgeschafft werden soll auch ein komplexes System, mit dem bisher wohlhabende US-Bürger zur Kasse gebeten wurden, und zwar dann, wenn sie sehr hohe Abschreibungen auf ihre Steuerschuld geltend gemacht hatten. Personen, die so hohe Ausgaben hatten, dass sie trotz hoher Einnahmen keine Steuer bezahlen mussten, wurden mit einer Sondersteuer (Alternative Minimum Tax) nachträglich belegt.

Das soll komplexe Gestaltungen von findigen Steuerberatern eingrenzen. Über Trumps Steuerzahlungen ist wenig bekannt. Ein geleaktes Dokument aus dem Jahr 2005 zeigt aber, dass 85 Prozent der Steuern, die er damals bezahlte, unter die Alternative Minimum Tax gefallen sind – die nun wegfallen soll.

Schulden dürften steigen

Die erwähnten Maßnahmen bringen eine Entlastung in Höhe von mehr als 300 Milliarden Euro im Jahr für Betroffene. Diese Berechnung stammt vom Committee for a Responsible Federal Budget (CRFB), einem unabhängigen Institut in Washington.

Doch die Republikaner gehen weiter, wollen Haushalten erweiterte Steuergutschriften verschaffen und Absatzbeträge für Kinder erhöhen. Die Maßnahmen zur Gegenfinanzierung sind laut Budgetexperten dagegen vage – so sollen viele bisher erlaubte Steuerabsatzbeträge gestrichen werden.

Insgesamt gehen die Experten des Forschungsinstituts CRFB davon aus, dass die Steuerpläne der Republikaner die Schulden der USA deutlich in die Höhe treiben. Für die zehn Jahre zwischen 2018 und 2027 sollen die Maßnahmen unter Einrechnung der Gegenfinanzierung 2,2 Billionen US-Dollar (1,87 Billionen Euro) kosten.

Die Republikaner wollen außerdem ihr Steuersystem grundlegend ändern. Derzeit gilt, dass US-Konzerne ihr weltweites Einkommen versteuern müssen, wobei im Ausland bezahlte Steuer angerechnet werden. Schüttet eine US-Gesellschaft mit Sitz in Irland Dividenden an ein Mutterunternehmen in Kalifornien aus, werden diese steuerlich nacherfasst. Das global geltende Steuersystem wollen die Republikaner in ein territoriales System umwandeln. Die Dividendenausschüttung wäre künftig steuerbefreit.

2,3 Billionen im Ausland

Die bisherigen Regeln haben dazu geführt, dass viele US-Konzerne ihre Gewinne im Ausland investiert haben. Aktuell parken amerikanische Unternehmen 2,3 Billionen Dollar im Ausland.

Die Republikaner wollen auf diesen Betrag eine einmalige Abgabe einheben, die Höhe ist nicht bekannt.

Martin Feldstein von der Harvard University hält es für möglich, dass die Steuerpläne der Republikaner dazu führen, dass Kapital aus Europa und Asien in Richtung USA abfließt.

Für US-Unternehmen wird es weniger Anreize geben, im Ausland zu investieren, so Feldstein. Zudem könnten Länder nachziehen und Unternehmenssteuersätze senken, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Ökonom sieht höheren Druck auf Deutschland

Der Präsident des Münchner Wirtschaftsinstituts Ifo, Clemens Fuest, argumentiert ähnlich. In Deutschland liegt die gesamte Ertragsbesteuerung von Unternehmen auf einem im internationalen Vergleich höheren Niveau von 30 Prozent wenn man alle Gewinnsteuern zusammenrechnet." Deutschland wird einem intensiveren Steuerwettbewerb ausgesetzt", erwartet Fuest im Hinblick auf die geplanten US-Reformen. "Wir werden mit den Steuersätzen runtergehen müssen. Eine Gesamtbelastung von 25 Prozent wäre eine natürliche Marke."

In Österreich, wo die Unternehmenssteuersätze niedriger sind, wird das anders beurteilt. Margit Schratzenstaller vom Wiener Wifo erwartet für Österreich keinen Druck. In den USA werden Unternehmen in den Bundesstaaten zusätzlich besteuert – rechnet man das mit ein, würde der neue Steuersatz für Konzerne im Land bei rund 25 Prozent liegen. Dies entspricht dem Schnitt unter den Industriestaaten. (András Szigetvari, 29.9.2017)