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Nazi-Marsch auf Oktoberfest – weil es immer schon so war?

Userkommentar |
29. September 2017, 13:51

Tiroler Blasmusikkapellen sollten sich ihrer Verantwortung bewusst werden und Sepp Tanzers Werke aus ihrem Repertoire entfernen

Ich bin Tirolerin. Ich bin Zillertalerin. Ich bin Mitglied einer Musikkapelle. Ich bin Feministin. Ich bin grün. Diese Zugehörigkeiten beziehungsweise Eigenschaften sind hochgradig aufgeladen, mit bestimmten Attributen assoziiert und sehr politisch. Ich bin alles davon.

Die – wieder einmal – aktuelle Debatte über die Nazi-Vergangenheit Sepp Tanzers und das Spielen des "Standschützenmarsches" auf dem Münchner Oktoberfest hat mich schmerzhaft daran erinnert, dass all das zu sein widerspruchsfrei nicht ganz einfach ist.

Tradition wird in Tirol großgeschrieben, stolz werden alte Bräuche tradiert. Doch auch altes Gedankengut und die vehemente Ablehnung von Vergangenheitsbewältigung werden weitergegeben. In diesem Umfeld ist es auch möglich, sich nach wie vor einer Rhetorik zu bedienen, die nur knapp an Wiederbetätigung vorbeizielt, in der Wirkung aber stets ins Schwarze – oder neuerdings ins Türkise? – trifft.

Glänzende NS-Karriere

Wie ist es so weit gekommen? Wieso kann ein Nazi-Marsch immer noch gespielt werden?Ganz einfach, weil es immer schon so war! Weil es bequemer ist, sich nicht mit der Wahrheit zu konfrontieren. Zu behaupten, dass man von der Nazi-Vergangenheit Tanzers nichts gewusst habe, nun ja, das geht wohl spätestens jetzt nicht mehr. Zu behaupten, dass die politische Orientierung einer Person keinen Einfluss auf die Komposition habe, kann vielleicht auf moderne demokratische Parteien angewendet werden, auf Nazis definitiv nicht. Wir müssen uns unserer Verantwortung bewusst werden, auch wenn es wehtut, auch wenn es nicht schön ist.

Tanzer hat eine glänzende Karriere im NS-Regime gemacht, wobei ihm dies für sein späteres Engagement beim ORF und als Landeskapellmeister keineswegs geschadet hat. Blasmusikkapellen sollten sich ihrer Verantwortung als Traditionsvereine bewusst werden und seine Werke aus ihrem Repertoire entfernen. Tradition bedeutet die Weitergabe von Handlungsmustern, Überzeugungen und Glaubensvorstellungen. Wir müssen uns auch fragen, was wir weitergeben wollen. (Judith Eberharter, 29.9.2017)

Judith Eberharter ist Österreichischer-Austauschdienst-Lektorin und lebt in in Leeds, Großbritannien.

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