VIG: Vollkommen autonomes Fahren wohl erst in 20 Jahren

29. September 2017, 12:30

Versicherungen müssen aber jetzt schon über neue Konzepte nachdenken – Autos mit technischer Unterstützung sicherer, aber Einzelschäden teurer

Bis Herr und Frau Österreicher im eigenen Auto Zeitung lesend fahren können, wird es wohl noch zwei Jahrzehnte dauern. Nicht nur die Autos müssen dafür neu aufgestellt sein, auch Versicherungen, Gesetzgeber und ganz besonders das Straßennetz selber werden davor einem großen Wandel unterliegen, erwartet Doris Wendler, Vorständin der Wiener Städtischen Versicherung.

Der Umbau des Straßennetzes, damit Kameras der autonomen Fahrzeuge alles gut erkennen können, sei wahrscheinlich die größte Herausforderung, meint Wendler. Wie können Radler am Radweg gut erkannt werden, was tun bei Schneefall, der die Leitlinien überdeckt, wie mit einem GPS-Ausfall umgehen – das seien noch spannende Fragen. Auch einzelne Tests, etwa mit dem für 2018 geplanten autonomen Bus in Seestadt-Aspern, seien noch keine breite Anwendung. In Seestadt seien die Straßen breit und gut strukturiert, das Gebiet klar definiert. Übrigens sei dieser autonome Bus bei der VIG innerhalb der üblichen Haftpflichtversicherung versichert.

Herausforderung Mischverkehr

Vorerst bietet aber auch der "Mischverkehr", wo ein Teil der Fahrzeuge den Lenker in Einzelbereichen unterstützt, genug Herausforderungen. Grundsätzlich verursachen Lenker mit technischer Unterstützung weniger Unfälle. Die Schäden sind aber höher, weil die Fahrzeuge und deren beschädigte Teile teurer sind. Im Schnitt werden die einzelnen Schadensfälle pro Jahr im Kaskobereich um 100 Euro teurer – derzeit sei man bei 1.500 Euro je Fall.

In Summe merke die Versicherung keinen Rückgang der Auszahlungen aus Kfz-Schäden, sagt Wendler. Sie erwartet für die nächsten Jahre daher trotz zunehmender technischer Unterstützung keinen Rückgang der Kfz-Prämien. Langfristig, bei vollautonomem Fahren, sei eine Verbilligung aber schon zu erwarten.

Offene Haftungsfragen

Für die Versicherer ist die Haftungsfrage logischerweise ein großes Thema. Wer künftig bei technischen Defekten oder einem Cyber-Angriff haftet, sei noch offen. Heute ist ein Parkschaden, der von der autonomen Parkhilfe verursacht wurde, in der Haftpflicht abgedeckt. Über künftige große Herausforderungen müsse aber noch diskutiert werden.

Das gelte ganz besonders für die Cyber-Sicherheit, die noch viele Fragen offen lasse – nicht nur in Autos, sondern im ganzen Haushalt. Ab wann gelte eine Haustüre als versperrt, wer sei in einem Smart-Home dafür verantwortlich, das Licht abzudrehen, wie könne man einen Einbruch nachweisen? Das seien aber vor allem im Hintergrund Diskussionspunkte zwischen Versicherern und Herstellern.

Wandel zur "Mobilitätsversicherung"

Wendler erwartet im Verkehrsbereich eine grundsätzliche Veränderung im Versicherungsdenken. Junge Menschen seien oft, vor allem in Städten, nicht mehr an einem eigenen Auto interessiert. Sie würden sich aber durchaus für ihre verschiedenen Fortbewegungsmittel von Car-Sharing über Bahn und Bus bis zum Fahrrad versichern wollen.

"Ich sehe einen Wandel von der Kfz- zur Mobilitätsversicherung kommen", so Wendler. Derzeit müsse man sich so ein Angebot aus verschiedenen Produkten "zusammenstoppeln". "Die Kunden werden uns dazu bringen, dass ihre Mobilität versichert ist und nicht ihr Fahrzeug." So ein Produkt werde "Step by step in den nächsten Jahren" kommen, erwartet Wendler, die seit 1. Jänner das Ressort Schaden-/Unfallversicherung in der Wiener Städtischen Versicherung verantwortet. (APA, 29.09.2017)