Kurz-Bashing: So nicht, Herr Barta!

Kommentar der anderen |
29. September 2017, 15:37

Schwarz-Weiß-Narrative haben in Geschichte und Politik nichts verloren

Der Germanist Dominik Barta übt sich in geschichtlichen Ausführungen, um ein politisches Statement abzugeben. Das sei ihm im Namen der Meinungsfreiheit selbstverständlich zugestanden, kann und darf aber nicht unwidersprochen bleiben.

Abgesehen von eindeutigen Fehlern bei der Recherche – die Ringstraßenära samt ihren Prachtbauten war längst zu Ende, als Karl Lueger 1897 Wiener Bürgermeister wurde – ist der ganze Text von einer durchgängigen Dichotomie gekennzeichnet: Es gibt nur "Gute" (ausgebeutete Arbeiterinnen und Arbeiter, Flüchtlinge etc.) und "Böse" (Karl Lueger, Sebastian Kurz). Um dieses Ziel zu verfolgen, werden willkürlich Zitate gesetzt – Ernst Vergani, Herausgeber des ohne Zweifel deutschnationalen und antisemitischen Deutschen Volksblatts, hatte 1911 längst mit den Christlichsozialen gebrochen.

Einmal mehr wird Adolf Hitler als "Bewunderer" des Fin-de-Siècle-Bürgermeisters aufgeboten. Gegen seine posthume Instrumentalisierung durch das NS-Regime konnte sich Lueger (dessen ideologische Nachfahren zu diesem Zeitpunkt oft im KZ saßen!) nicht wehren. Selbstverständlich kann es einer historischen Betrachtung auch nicht genügen, Hitler zum wichtigsten bzw. alleinigen Interpreten einer Person zu erheben. Mein Kampf ist als politische Kampfschrift verfasst und nimmt es oft mit der historischen Richtigkeit nicht so genau.

Katholische Soziallehre

Das implizit angedeutete Agreement der Christlichsozialen mit der Ausbeutung von Arbeitern entbehrt auch jeder programmatischen Grundlage. Die zu Beginn recht heterogene Bewegung entstand nicht zuletzt auch infolge der Auswüchse des Kapitalismus und der sozialen Not jener Zeit. Als inhaltlicher Wegweiser diente die katholische Soziallehre (1891 war die päpstliche Sozialenzyklika Rerum novarum publiziert worden). Hans Maier hat in Revolution und Kirche die sozialrevolutionären Wurzeln der christlichen Demokratie bis in die Zeit der Französischen Revolution nachgewiesen. Seltsam mutet die Parallelverschiebung von Tschechen um 1900 zu Muslimen heute an – als hätte Österreich Letztere ins Land geholt, nur um sie als billige Arbeitskräfte auszunutzen und als Feindbilder zu diffamieren. Im Zuge dieses Konstrukts Kurz ein Zitat in den Mund zu legen, das er gar nicht gesagt hat, ist hochgradig unseriös und entbehrt jener Wissenschaftlichkeit, die von einem Germanisten eigentlich zu erwarten wäre. Wir glauben Herrn Barta auch so, dass er sein Kreuz auf dem Stimmzettel nicht bei der ÖVP setzen wird!

Schwarz-Weiß-Malerei in Form eines Entweder-oder / Gut oder Böse bei der Betrachtung historischer, aber auch politischer Persönlichkeiten ist ein wissenschaftliches No-Go. Aufgabe der Geisteswissenschaften ist es, zu differenzieren, die vielen Grautöne einer Materie herauszuarbeiten. Dichotomische Narrative mögen dem persönlichen Wohlbefinden dienen (z. B. der Gewissheit, auf der "guten" Seite zu stehen), gehören aber in Parteipamphlete und sonst nirgendwo hin. (Christian Mertens, 29.9.2017)

Christian Mertens ist Historiker und Publizist sowie Co-Herausgeber des "Jahrbuchs für politische Beratung". In den 1990er Jahren war er Leiter der Politischen Abteilung im Dienst der ÖVP Wien.