Bild: Fifa 18

"Fifa 18" im Test: Mehr Stars, aber deutlich weniger Spaß

Rezension |
1. Oktober 2017, 10:50

EA schneidet seinen Blockbuster komplett auf Ronaldo und Co zu – darunter leidet das Gameplay

Die Fußballwelt hat wieder einmal einen Sommer der Rekordablösesummen erlebt. Superstar Neymar kauft sich für 222 Millionen Euro von Barcelona frei, um bei PSG zu spielen. Dort wendet man ein paar finanzielle Tricks an, um sich auch noch Mbappé leisten zu können (Leihe mit 180-Millionen-Euro-Option). Da ist Lukaku (für 85 Millionen Euro zu Manchester United) fast ein Schnäppchen. Kurzum: Es sind die Stars, die das Milliardengeschäft Fußball prägen. Das weiß auch EA Sports, das die Superkicker mit "Fifa 18" zelebriert wie nie zuvor. Die Gesichter, Körper, Gesten von Messi, Ronaldo und Co sind noch detaillierter, und auch das Gameplay wurde auf die Ausnahmetalente zugeschnitten.

Dröges Gameplay

Das ist nicht unbedingt erfreulich. Wer nahtlos von "Fifa 17" auf "Fifa 18" wechselt, fühlt sich kurz, als hätte er eine Schlaftablette genommen. Besonders in der Verteidigung wird das Spiel deutlich träger und langsamer. Es ist schwieriger, Angriffe abzuwehren. Das ist aber nicht unbedingt eine Hinwendung zu mehr Realismus. Denn nach wie vor kann man ja nur einen Spieler steuern und einem weiteren befehlen, den Ballführenden zu decken. Man muss sich also auf die Künstliche Intelligenz der Mannschaftskameraden verlassen. Will man deren Fehler ausbügeln, ist man auf die Schnelligkeit des eigenen Spielers angewiesen. Die wurde aber enorm gedrosselt. Eine falsche Aktion – ein gescheitertes Tackling, eine schlechte Grätsche – und die Abwehr kann vom Gegner überwunden werden.

Angreifer glänzen

Damit schließt sich wiederum der Bogen zu den Superstars: Denn es sind die Angreifer, die glänzen. Es ist ein Messi, ein Ronaldo, ein Neymar, der die Abwehr ausdribbelt und zum Abschluss kommt. Natürlich gibt es berühmte Abwehrspieler – man denke etwa an einen Sergio Ramos. Doch deren Popularität und Ablösesummen sind weit von den kreativen Offensivspielern entfernt. Weil "Fifa 18" auch "sexy" sein will, fokussiert es sich zusehends auf den Glanz der Stürmer- und Flügelstars statt auf taktisch anspruchsvolles Verteidigen.

"Fifa 18" oder "PES 2018" – welches Fußballspiel gefällt uns besser?
wirspielen

Deutliche Verbesserungen gibt es etwa im Flügelspiel. Flanken sind nun präziser, außerdem gelingen Steilpässe für Flügelspieler wie Ronaldo besser. Das bildet durchaus den aktuellen Spielstil der meisten Mannschaften ab. Die Eigenschaften der einzelnen Teams wurden nun noch klarer als bei den "Fifa"-Vorgängern herausdestilliert, wenngleich das wohl eng mit der Fokussierung auf die Superstars zu tun hat. Man "spürt", wenn man etwa einen Gareth Bale steuert – dieser fühlt sich deutlich anders an als etwa ein Neymar oder ein Durchschnittsspieler.

Never change a winning team

Ansonsten setzt EA Sports auf "Business as usual". Wie immer gibt es verschiedene Online-Modi und das beliebte Kartensammeln im "Ultimate Team". Beibehalten wurde der Storymodus rund um den fiktiven Nachwuchsfußballer Alex Hunter, dessen Aufstieg man begleitet. Diese Kampagne ist ein nettes Gimmick, das ein paar Stunden Spielspaß hinzufügt. Sie eignet sich auch dazu, Neueinsteiger auf den Rest von "Fifa" vorzubereiten.

In die Kategorie "Finetuning" ist etwa die Option, Spieler schnell auszutauschen, einzuordnen. Dabei können vorab drei Wechsel festgelegt werden, die dann während des Matches schnell abgewickelt werden. Die Lizenzen wurden leicht erweitert, nun ist etwa der deutsche Cup nachspielbar. Die Rechte für Spieler und Vereine bleiben nach wie vor das Ass in EAs Ärmel. Konkurrent "Pro Evolution Soccer" mag Fußballfans in Punkto Gameplay entzücken; doch die meisten Fußballfans sind eben nicht nur Fans des Sports, sondern auch der einzelnen Kicker oder Mannschaften. Mit diesen zu spielen, macht einen großen Reiz des virtuellen Fußballs aus.

ea sports fifa

"Fifa 17S"

Das sorgt schlußendlich aber auch dafür, dass sich EA nicht besonders bemühen muss. "Fifa" steht auf einer soliden Basis und Fans, die mit ihren Idolen kicken wollen, bleibt keine Alternative zum 69 Euro teuren Kauf der aktuellen Version. Das ist natürlich ein bisschen Abzocke. De Facto ist "Fifa 18" ein "Fifa 17,5" (ein Fifa 17S, um in den Apple-Jargon zu wechseln), wobei schon frühere Iterationen oftmals nur leichte Upgrades darstellten. Fair wäre es natürlich, derartige Nachfolger mit geringer Innovationskraft günstiger anzubieten – oder es Fans zumindest zu ermöglichen, im Vorgänger weiterhin mit aktuellen Mannschaftsaufstellungen zu spielen, vielleicht auch gegen einen kleinen Abopreis.

Teures Update

Aber das spielt es nicht. "Fifa 18" ist genau so teuer wie "Fifa 17", "Fifa 16" und "Fifa 15" zu ihrem Erscheinen, und die meisten der Millionen Spieler, die die aktuelle Version binnen weniger Tage nach Verkaufsstart erwerben, haben diese Vorgänger wohl auch daheim. EA Sports ist glücklich, Fifa und Co dank Lizenzgebühren ebenso, und auch die Vereine, die sich auch mit "Fifa 18" die Ablösesummen im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich refinanzieren. Der Fußball ist auf Clubebene turbokapitalistisch, und trotzdem (beziehungsweise gerade deshalb) haben Millionen Menschen daran Spaß. "Fifa 18" bringt das perfekt zum Ausdruck. (Fabian Schmid, 1.10.2017)