Lungen- und Blasenkrebs: Neues Immuntherapeutikum zugelassen

29. September 2017, 15:53

Der neue Wirkstoff ist zur Behandlung von fortgeschrittenem Lungen- und Blasenkrebs vorgesehen – er soll breitere Behandlungsmöglichkeiten abseits der Chemotherapie bieten

Wien – Sowohl in der Behandlung des fortgeschrittenen Lungenkarzinoms als auch bei Blasenkrebs soll ein neues Immuntherapeutikum – Atezolizumab – die vorhandenen Medikamente ergänzen. Insgesamt stelle die moderne Immuntherapie einen wesentlichen Fortschritt in der Onkologie dar, hieß es am Freitag bei einem Pressegespräch in Wien.

Die Medikamente, die seit einigen Jahren entwickelt bzw. in die Behandlung von Krebspatienten eingeführt werden, zielen darauf ab, entweder durch die Hemmung des Zelloberflächenfaktors CTLA-4 oder über die Verhinderung des Kontakts zwischen PD-1 oder PD-L1-Proteinen von Tumor- und Immunzellen die Abwehrzellen wieder zu einer Attacke auf den Tumor zu bringen. Die meisten dieser monoklonalen Antikörper (z.B. Pembrolizumab, Nivolumab etc.) richteten sich gegen PD-1 auf den T-Zellen.

Der Schweizer Pharmakonzern Roche hat jetzt in Europa die Zulassung für Atezolizumab mit der Hemmung des Gegenstücks von PD1 – PD-L1 auf den Tumorzellen – erhalten. Die Einsatzgebiete sind: lokal fortgeschrittenes oder metastasiertes nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom und das lokal fortgeschrittene oder metastasierte Blasenkarzinom, wenn eine Behandlung mit dem Chemotherapeutikum Cisplatin nicht mehr wirkt oder sein Einsatz wegen der Nebeneffekte nicht möglich ist.

18-Monate-Überlebensrate gestiegen

"Im Vergleich zwischen einer Behandlung mit dem Chemotherapeutikum Docetaxel betrug bei mit Atezolizumab behandelten Lungenkarzinompatienten die durchschnittliche Überlebensdauer 13,8 Monate statt 9,6 Monate", sagte Maximilian Hochmair, Pulmologe und Onkologe am Otto-Wagner-Spital in Wien. Bei einem Drittel der Patienten, die für die Immuntherapie besonders geeignet sind, seien die Behandlungsergebnisse noch deutlich besser.

Selbst wenn der Tumor unter der Immuntherapie wachse, zeige sich oft ein lang anhaltender positiver Effekt auf den Krankheitsverlauf. "Auch dann sprechen noch 50 Prozent der Behandelten auf die Therapie an. Nach 18 Monaten lebten in einer Studie noch 37 Prozent der Patienten, in einer Vergleichsgruppe nur 20 Prozent." Das bedeutet fast eine Verdopplung der Überlebensraten bei den fortgeschrittenen Patienten.

Ähnliche Ergebnisse wurden in Studien bei fortgeschrittenem invasiven Blasenkarzinom erzielt. "Mit den Chemotherapeutika Carboplatin und Gemcitabine in Kombination betrug die durchschnittliche Überlebenszeit von Patienten 9,3 Monate. Nach einem Jahr lebten noch 37 Prozent der Patienten, nach fünf Jahren keiner mehr. In einer Studie mit Atezolizumab betrug die durchschnittliche Überlebenszeit 14,8 Monate. Nach einem Jahr lebten noch 57 Prozent der Patienten – die Fünf-Jahresdaten gibt es noch nicht", berichtete Wolfgang Loidl, Chef der urologischen Abteilung am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz.

Weniger Nebenwirkungen

"Die neuen Immuntherapien haben wesentlich weniger Nebenwirkungen als die Chemotherapie", betonte Sharokh Shariat, Vorstand der urologischen Universitätsklinik im Wiener AKH. Typisch für diese Therapieform sei, dass es bei einem Teil der Patienten zu einem langfristigen Überleben trotz fortgeschrittener und metastasierter Krebserkrankung kommt. "Die Patienten sprechen nachhaltig an."

Das sei anders als bei der Chemotherapie oder der zielgerichteten medikamentösen Krebsbehandlung auf der Basis von molekularbiologischen Untersuchungen der Tumorzellen. Sie verlieren aufgrund der Entstehung von resistenten Tumorzellen ihre Wirkung. Weltweit laufen Hunderte Studien, um vor allem neue Anwendungsgebiete für die Krebs-Immuntherapie zu finden und durch Kombination mit anderen Medikamenten, Strahlen etc. den Wirkungsgrad noch deutlich zu erhöhen.

"Wir lassen den Körper gegen den Krebs arbeiten", fasste Loidl zusammen. Dieses Prinzip ermögliche völlig neue Perspektiven bei onkologischen Erkrankungen, betonten die Experten. (APA, 29.9.2017)