Foto: Rosimar Rivera Colón

Zwei neue Spezies vogelfangender Bäume entdeckt

1. Oktober 2017, 17:21

Pisonien setzen auf ein etwas brachiales Fortpflanzungssystem, dem immer wieder Vögel zum Opfer fallen

Zu übersehen waren die mächtigen Stämme von Pisonia horneae schon bisher nicht – aber erst jetzt hat man den Baum als eigene Spezies identifiziert.
foto: rosimar rivera colón

San Juan – Auf der Insel Puerto Rico haben US-Forscher zwei bislang unbekannte Spezies von Pisonien, Verwandten der beliebten Zierpflanze Bougainvillea, entdeckt. Die beiden im Fachjournal "Phytokeys" vorgestellten Baumarten erhielten die Bezeichnungen Pisonia horneae und Pisonia roqueae. Damit sollen zwei im 19. Jahrhundert geborene Botanikerinnen geehrt werden, die Illustratorin Frances W. Horne und die botanische Volksbildnerin Ana Roqué de Duprey.

Die beiden Entdecker der neuen Spezies, Marcos Caraballo-Ortiz von der Pennsylvania State University und Jorge Trejo-Torres vom Institute for Regional Conservation in Florida, nennen eine "Parallele" als Grund: Trotz ihrer langjährigen Leistungen für die Botanik seien die beiden Frauen nämlich in Vergessenheit geraten – wie man auch die Pisonien unbegreiflich lange verkannt habe. Die Wälder von Puerto Rico gelten als gut erforscht, dennoch wurden die beiden durchaus imposanten Pisonien bisher nicht als eigene Spezies erkannt. Laut den Forschern sehen ihre dicken Stämme, wenn sie sich über Steine wölben, wie ein Elefantenfuß samt Zehen aus.

Der "Elefantenfuß" von Pisonia roqueae.
foto: fabiola areces berazaín

Pisonien werden im Englischen auch als "birdcatcher trees" bezeichnet, weil sie über ein bemerkenswertes Fortpflanzungssystem verfügen. Ihre Samen sind mit Häkchen versehen und mit klebrigem Schleim überzogen. Damit bleiben sie am Gefieder von Vögeln haften, wenn diese auf dem Baum gelandet sind.

Auf diese Weise für die Verbreitung von Samen zu sorgen, wäre im Pflanzenreich noch nichts Einzigartiges. Bei einigen Pisonien-Arten ist die Haftwirkung aber so stark, dass die Vögel die Samen nicht mehr abstreifen können. Setzen sich an einem Vogel zu viele Samen gleichzeitig fest, kann er seine Flugfähigkeit verlieren und stirbt letztlich den Hungertod.

Der Biologe Alan E. Burger von der University of Victoria untersuchte vor einigen Jahren die kleinen Vogelfriedhöfe am Fuße von Pisonien, um herauszufinden, ob sich die Pflanzen damit eine zusätzliche Nährstoffquelle sichern. Obwohl sie entfernt mit dem Sonnentau verwandt sind, sind sie laut Burger aber keine "Fleischfresser": Der Boden um einen mit Vogelknochen dekorierten Baumstamm sei nicht besser gedüngt als der um andere Bäume. Im Gegenteil: Der Guano, den lebende Vögel laufend hinterlassen, würde der Pflanze wohl mehr nützen.

Samenkapseln von Pisonia roqueae.
foto: jorge c. trejo-torres

Man könnte also meinen, dass es sich einfach um ein schlecht austariertes Fortpflanzungssystem handelt. Burger allerdings kam zu einem anderen Schluss, nachdem er getestet hatte, wie wasserfest die Samen der Pisonien sind.

Der Grund: "Vogelfänger" findet man zumeist auf Inseln. Seevögel sind dort regelmäßige Besucher, und die suchen sich ihre Nahrung im Meer. Burgers durch Experimente untermauerte Hypothese besagt daher, dass die Pisonien deshalb Superkleber-Samen entwickelt haben, damit diese einige Tauchgänge überstehen und möglichst erst dann abfallen, wenn der Vogel wieder trockenes Land und damit fruchtbaren Boden erreicht hat.

Dass dieses System immer wieder "Kollateralschäden" in der Vogelwelt verursacht, ist für die Pflanzen kein Problem: Es bleiben offensichtlich immer noch genügend Samenverbreiter übrig. (jdo, 2. 10. 2017)