Foto: EXPA/ Johann Groder

Peter Sagan, der Retter der Rennradler

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2. Oktober 2017, 10:29

Er hat den Straßenradsport wieder sexy gemacht. Mit seinem dritten WM-Titel in Serie setzte sich der Slowake schon zu Lebzeiten ein Denkmal. In Osttirol ging er auf seiner ersten Liebe, dem Mountainbike, fremd

Lienz – Peter Sagan schnappt sich das von seinem Sponsor bereitgestellte pinke Endurobike und dreht sofort eine Testrunde auf dem Parkplatz. Der obligatorische Wheelie darf dabei vor den Augen der versammelten Presse nicht fehlen. Doch wer denkt, der frischgebackene dreifache Straßenrad-Weltmeister nehme den Promotiontermin in Lienz, wo er den neuen Alban-Lakata-Trail – benannt nach dem dort heimischen, ebenfalls dreifachen Mountainbike-Marathon-Weltmeister – einweihen soll, nicht ernst, kennt den passionierten Sagan schlecht.

Der Slowake gilt als Paradiesvogel in der Straßenradszene, die sonst nur mehr wenig Sex-Appeal hat. Die zahllosen Dopingskandale haben dem Sport zugesetzt. TV- und Sponsorenverträge wurden gekündigt. Ein Typ wie Sagan kam da wie gerufen. Bis vor kurzem trug er sein Haar noch lang, dafür rasiert er sich bisweilen die Beine nicht, was in der Szene als Akt der Rebellion verstanden wird, und er beherrscht sein Sportgerät wie kaum ein anderer. Mal springt er mittels Bunny-Hop gekonnt über einen gestürzten Konkurrenten, mal fährt er nur am Hinterrad über die Ziellinie. Sagan ist ein wahrer Segen für das ansonsten mausgraue Peloton.

Journalisten nerven ihn

Doch so locker sich der 27-Jährige gibt, so todernst nimmt er alles, was mit Radfahren zu tun hat. Nicht umsonst wurde er vor gut einer Woche im norwegischen Bergen zum dritten Mal in Folge zum Weltmeister gekürt. Eine Leistung, die niemandem vor ihm gelungen ist. "Die Federung ist zu weich", stellt er nach der Parkplatzrunde sofort fest und verlangt nach einer Dämpferpumpe. Sagan will den Trail schließlich nicht nur hinunterrollen, er will ihn richtig fahren. Die zahlreichen Journalisten aus ganz Europa, die zum ersten Pressetermin nach seinem WM-Triumph gekommen sind, hindern ihn mit ihren Interviewanfragen am Losfahren. Das nervt Sagan sichtlich.

Seine Einsilbigkeit gegenüber Medien ist eines von vielen Markenzeichen. Introvertiert ist trotzdem kein Label, das auf Sagan zutrifft. Denn in den sozialen Medien versteht es der Popstar des Radsports sehr geschickt, seine riesige Fanbasis zu unterhalten. Nicht umsonst gibt sein deutscher Rennstall Bora-Hansgrohe kolportierte vier Millionen Euro Jahresgage für ihn aus. Sagan ist der Topverdiener seines Sports.

Vermeintliche Skandale, wie der Rempler gegen den Briten Mark Cavendish im Zielsprint der vierten Etappe der heurigen Tour de France, sind dem Image des radelnden Rebellen da nur zuträglich. Die Szene beendete für beide die Tour – Cavendish brach sich die Schulter, Sagan wurde disqualifiziert. Während sich die beiden Athleten schnell aussöhnten, verziehen Sagans Fans dem Briten den Ausschluss ihres Idols lange nicht. Cavendish und sogar seine Familie erhielten zahlreiche und beängstigende Drohungen.

Mountainbiken als Techniktraining

Endlich sind alle Interviews im Kasten. Sagan macht sich bereit, den neuen Trail am Lienzer Hochstein zu testen. Und auch auf dem Mountainbike zeigt sich die Brillanz des kolportiert komplettesten Radfahrers unserer Zeit. Selbst seine Konkurrenten wie der Deutsche Rick Zabel nennen ihn schon zu Lebzeiten eine Legende. Keiner schmiegt sich bei rasanten Abfahrten derart elegant ans Oberrohr wie der Slowake.

Technische Finessen, die er nicht zuletzt auf dem Mountainbike gelernt hat. Sagan wurde im Cyclocross und Cross-Country ebenso Juniorenweltmeister wie auf Asphalt. Weil ihm der Straßenkurs bei den Olympischen Spielen in Rio nicht zugesagt hat – Sagan ist Sprinter und kein Bergspezialist -, trat er dort einfach in der Disziplin Mountainbike an und landete trotz Panne auf Rang 35.

Am Lakata-Trail hat Sagan Spaß, er nimmt die Doubles ohne zu zögern und whippt gekonnt über die Tables. In seiner alten Heimat Zilina ist er immer noch gern auf den Trails unterwegs, erzählt er. Das Mountainbiken ist für Sagan willkommene Abwechslung und Techniktraining gleichermaßen. Auch wenn er in der neuen Wahlheimat Monaco, wo er mit seiner Frau Katarina Smolkova lebt, die in Kürze ein Kind von ihm erwartet, nur selten dazukomme.

Bei Fragen nach einer möglichen WM-Teilnahme 2018 in Tirol, wird er wieder wortkarg. Der Kurs gilt als zu bergig für Sagan, wobei er nur 800 Höhenmeter mehr aufweist als jener in Bergen, wo er heuer triumphierte. "Ich feiere jetzt erst einmal diesen Titel", wiegelt er ab und steuert wieder in Richtung Gondel: "Lasst uns lieber noch eine Runde fahren." (Steffen Arora, 2.10.2017)