Jazzfest Leibnitz: Organisierte Nervosität

2. Oktober 2017, 10:21

Grandioses aus Frankreich

Leibnitz – Es kann nicht schaden, wenn ein französischer Präsident bei Konzerten in Salzburg mit der Partitur dasitzt und die Darbietung – Noten lesend – begleitet, wie dies Emmanuel Macron im Sommer getan hat. Fürs Kulturimage eines Landes ist ein musikaffiner Präsident ein schönes kleines Wunder. Frankreich war allerdings schon zuvor bekannt für exzellente Musikköpfe. Der europäische Jazz kann sich etwa freuen, seit Jahrzehnten jemanden wie Klarinettist Louis Sclavis im hitzigen Dienste der Komplexität erleben zu können.

Der Veteran war – als Teil der Band von Saxofonist Émile Parisien – zu Gast beim Jazzfestival in Leibnitz. Eloquent durchreiste Sclavis die Regionen der Spontaneität und erinnert durch Einsatz exotischer Skalen auch daran, zu Recht mit dem Begriff der imaginären Folklore in Zusammenhang gebracht worden zu sein. Noch bemerkenswerter das Sopranspiel von Bandleader Parisien: Zu metrisch raffiniert-wechselhaftem Hintergrund entfaltet er seine emphatischen Kunststücke als Wellen der Intensität. Es schimmern durch all diese Ekstatik allerdings auch verborgene Lyrik und Melodiosität durch, was dem Spiel eine besondere, leichtfüßig-romantische Note verleiht.

Kleine Meisterwerke

Der speziellen Reiz dieser Musik rührt jedoch von der formidabel eingespielten Band her, die komplexe Stücke interpretiert. Selbige sind kleine Meisterwerke der Kammermusik. Parisien und Sclavis entwickeln – so sie nicht an der Interpretation mitwirken – ihre Soli, während sich die Stücke mitunter deutlich wandeln. Nach langer Aufbauarbeit steht da etwa plötzlich ein schräger Marsch im Raum, bei dem jedes Instrument ganz individuell an der Gesamtheit der Musik beteiligt ist.

Es ist von kultiviert organisierter Nervosität zu sprechen, die bei aller Vertracktheit und bei allen komponierten Kontrasten die Freiheit des Improvisators nicht beschnitt. Der Lust des Augenblicks frönten denn auch – auf delikate Weise – Pianist Julien Touery, Bassist Ivan Gélugne und Schlagzeuger Julien Loutelier. Auch ihnen ist dafür zu danken, nach Leibnitz zur Österreich-Premiere des Projektes angereist zu sein. (Ljubisa Tosic, 2.10.2017)