Foto: Israel Film Archive / Maayan Milo

Jüdisches Filmfestival: Die Toren vom Sinai und die lustige Emanzipation

3. Oktober 2017, 07:42

Das Jüdische Filmfestival Wien bietet einen Überblick über aktuelles und historisches jüdisches Filmschaffen

Wien – Ariel Sharon war nicht erfreut. Für den ehemaligen General war das Bild der israelischen Armee im Sechstagekrieg, so wie es Rafi Bukaee in seinem Film gezeichnet hatte, bodenlos despektierlich.

Das allerdings wäre heute nicht anders als vor dreißig Jahren, als Avanti Popolo seine Premiere feierte. Zwischen der Beschränktheit der israelischen Soldaten und jener der ägyptischen, die gemeinsam als wirrer Haufen durch die Wüste des Sinai ziehen, passt in diesem surrealen Kriegsfilm nämlich kein Millimeter: Wenige Stunden nach dem offiziellen Kriegsende schlagen sich die zwei Ägypter Richtung Heimat durch, tun sich am Whiskyvorrat eines Uno-Soldaten gütlich ("Was macht der Schwede mitten in der Wüste?" – "Er ist tot.") und landen schließlich stockbesoffen, aber mit Schirm und Charme beim nicht weniger naiven, aber wenigstens siegreichen Gegner.

Avanti Popolo, der sich ästhetisch lustvoll am Italowestern orientiert, gilt heute als eine der bedeutendsten Arbeiten der israelischen Filmgeschichte: ausgezeichnet beim Festival von Locarno, eingereicht für den Auslandsoscar und anlässlich seines Jubiläums endlich restauriert. Nun ist diese schwarze Komödie, die das politische Selbstverständnis Israels in den 1980er-Jahren und die Agenda des konservativen Likud mit unzähligen Seitenhieben konterkariert, im Rahmen des Jüdischen Filmfestivals Wien zu sehen (am 10. und 15. Oktober).

Kibbuz, Gangster, Emanzipation

Aus dem auf sechs Themenschienen verteilten Programm sticht der wiederzuentdeckende Klassiker jedenfalls heraus. Denn die Vielfalt geht doch mit einer gewissen Unübersichtlichkeit im grob durchmischten Spielplan einher: Die Palette reicht heuer von der Kibbuzbewegung über das Thema Judentum und Revolution (darunter Helene Maimanns Dokuporträt Käthe Leichter), aktuelle israelische Produktionen (wie das Gangsterdrama Our Father oder die Emanzipationskomödie The Women's Balcony) bis zur jüdischen Kochkunst (Hummus!).

So lässt man sich durch das aus insgesamt 55 Arbeiten aus dem Dokumentar-, Spiel-, Kurz- und Animationsfilmbereich (etwa das feine Broken Branches) bestehende und auf mehrere Wiener Kinos verteilte Programm am besten einfach treiben. Und findet wie am Sinai dazwischen kleine Oasen. (Michael Pekler, 3.10.2017)