Foto: Louise Walsh

Infektionsgeschichte: Wem wir Genitalherpes verdanken

2. Oktober 2017, 19:12

HSV-2 ist heute weit verbreitet. Forscher haben nun rekonstruiert, wie es in unsere Linie gelangte, und einen Schuldigen ausgemacht: Paranthropus boisei

Cambridge – Sie sind ein ziemlich ungutes Gespann: Die Herpes-simplex-Viren, zwei eng verwandte Virusarten aus der Familie der Herpesviridae, die verschiedene Erkrankungen auslösen können. Während das Humane Herpesvirus 1 (HSV-1) vorwiegend für die unangenehmen Lippenbläschen bekannt ist, tritt das Humane Herpesvirus 2 (HSV-2) zumeist an den Schleimhäuten der Genitalien auf.

Beide Virusspezies sind äußerst ansteckend und daher extrem weit verbreitet: Infektionen mit den Herpes-simplex-Viren gehören zu den sexuell übertragbaren Krankheiten, die weltweit am häufigsten vorkommen. Doch seit wann plagen diese hartnäckigen Erreger den Menschen? HSV-1 schon sehr lange, wie man inzwischen weiß: Unsere frühen Vorfahren dürften das Virus schon in sich getragen haben, als sich die Stammeslinie zwischen Schimpansen und Menschen vor etwa sieben Millionen Jahren trennte.

HSV-2 hingegen traf offenbar erst deutlich später auf den Menschen: Genetische Analysen deuten darauf hin, dass der Vorläufer des Virus irgendwann im Zeitraum zwischen drei und 1,4 Millionen Jahren unseren Vorfahren, den Homo erectus, befiel. Doch wann genau und wie, ist bislang unklar.

Es geschah am Turkanasee...

Ein Team der Cambridge University und der Oxford Brooks University konnte nun Licht ins Genitalherpes-Dunkel bringen: Wie die Genetiker im Fachblatt "Virus Evolution" berichten, dürfte der Hominine Paranthropus boisei der wahrscheinliche Zwischenwirt gewesen sein. Dieser enge und ziemlich robuste Verwandte lebte vor etwa 2,5 bis 1,4 Millionen Jahren an der Seite unserer unmittelbaren Vorfahren. Direkter Kontakt zwischen den Arten in der Region um den Turkanasee im heutigen Kenia ist sehr wahrscheinlich.

"Unsere Untersuchungen deuten darauf hin, dass Paranthropus boisei die Spezies am richtigen Ort zur richtigen Zeit war, um HSV-2 an unsere Vorfahren weiterzugeben", sagte Charlotte Houldcroft von der Uni Cambridge. Sie vermutet, dass P. boisei das Virus zunächst über den Konsum von infiziertem Urschimpansen-Fleisch erwarb. Zwar gilt die Art als vorwiegend auf Gräser spezialisiert, doch auch Aas könnte auf dem Speiseplan gestanden haben.

Folgenreicher Sex

Es gibt aber noch eine weitere Möglichkeit, die die Übertragung ebenfalls befördert haben könnte: P. boisei könnte sich beim Sex mit einem anderen Frühmenschen mit dem Virus angesteckt haben: Homo habilis. Die Forscher gehen davon aus, dass beide Varianten eine Rolle spielten.

Doch wie ging die Ansteckung von Homo erectus vor sich? Das Virus könnte ebenfalls durch den Konsum von Fleisch (diesmal der Verzehr von P. boisei durch H. erectus) oder aber durch Sex zwischen den Arten übertragen worden sein. Denkbar ist auch, dass der virale Sprung zur neuen Spezies durch Verletzungen bei Revierkämpfen oder anderen Konflikten gelang. "Nachdem es HSV-2 einmal in unsere Linie geschafft hatte, verbreitete sich das Virus von Mutter zu Kind, aber auch durch Speichel und Sex immer weiter", so Houldcroft. Und so plagt es uns noch heute. (dare, 2.10.2017)