Foto: imago/ZUMA Press

Steirerin in Barcelona: "Alle fragen sich, was noch passieren wird"

Bericht |
2. Oktober 2017, 16:34

Die 32-jährige Anna Huber arbeitet als Übersetzerin für die katalanische Polizei – Wo sonst bestohlene Touristen anklopfen, wurde am Sonntag verletzten Senioren geholfen

Niemand habe mit derart viel Gewalt gerechnet, sagt Anna Huber, die den Sonntag des Unabhängigkeitsreferendums in einer Polizeistation im Zentrum von Barcelona verbracht hat. "Fünf Polizisten und ich saßen am Sonntag vor dem Fernseher, und alle waren wir entsetzt. Niemand konnte glauben, was sich da auf den Straßen abspielt", sagt sie.

Die 32-jährige Steirerin – wir haben ihren Namen auf ihren Wunsch hin geändert – lebt seit drei Jahren in Katalonien und arbeitet drei Tage in der Woche als Übersetzerin für Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch in einer Wache der Regionalpolizei Mossos d'Esquadra in der Ciutat Vella, Barcelonas Altstadt.

Am Sonntagabend schilderte sie in einem Posting ihre ersten Eindrücke von dem Tag, als die spanische Polizei das Unabhängigkeitsreferendum der Katalanen niederzuschlagen versuchte. DER STANDARD hat sie kontaktiert, um mehr über ihre Erfahrungen an diesem historischen Herbstsonntag in der katalanischen Hauptstadt zu erfahren.

Ist Huber an gewöhnlichen Tagen vor allem mit verzweifelten Touristen beschäftigt, die Taschendiebstähle und ähnliche Bagatelldelikte melden, wurde sie am Sonntag Zeugin der Unruhen in ihrer Wahlheimat. "Die Polizisten waren alle schockiert, niemand hätte sich diese Härte vorstellen können, mit der die Guardia Civil durchgegriffen hat."

"Meinung ausdrücken"

Dabei seien sich die Kollegen keineswegs einig, wenn es um die Unabhängigkeit ihrer Region geht. "So wie bei den Katalanen generell geht es auch vielen Mossos-Beamten vor allem darum, ihre Meinung auszudrücken", hat Huber beobachtet.

Katalanische Mossos-Beamte gehen in Barcelona am Tag des Referendums auf Streife.
foto: imago/zuma press

Am meisten habe sie schockiert, wie viele ältere Personen mit Verletzungen auf die Wache gekommen sind, um bei der katalanischen Polizei Anzeige gegen die spanische Staatsmacht zu erstatten. "Auch auf diese Leute, die zum Teil noch die Franco-Zeit in Erinnerung haben, wurde eingeprügelt. Ein Mann um die 80 konnte kaum noch gehen, Polizisten haben ihn dann auf eine Polizeistation gebracht." Allein am Vormittag habe sie schon ein halbes Dutzend Verletzte an ihrem Arbeitsplatz gezählt.

Aggression habe sie unter der Kollegenschaft, neben einigen Mossos-Polizisten versahen an diesem Tag auch viele Beamte der Stadtpolizei Guàrdia Urbana in der Wache Dienst, nicht erlebt. "Man fragt sich aber ganz einfach, was morgen passiert. Viele rechnen damit, dass die Rechte der Regionalpolizei eingeschränkt werden und sie wieder stärker unter der Fuchtel Madrids stehen könnte." (Florian Niederndorfer, 2.10.2017)