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Wenn Nobelpreisträger auf Irrwegen wandeln

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3. Oktober 2017, 07:00

Die Geschichte einiger Laureaten zeigt, dass jemand, der geniale Arbeit auf einem Gebiet leistet, auf einem anderen gehörig versagen kann

Wenn in dieser Woche die Nobelpreisträger verlautbart werden, dann werden einige Wissenschafter und Wissenschafterinnen (zumindest für kurze Zeit) berühmt. Wer mit dem prestigeträchtigsten Preis der Naturwissenschaften ausgezeichnet wird, gehört in den Augen der Medien und der Öffentlichkeit zu den klügsten Köpfen der Menschheit. Nicht ohne Grund: Die mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Leistungen sind im Allgemeinen tatsächlich von fundamentaler Bedeutung. Aber auch wenn es um die großen Genies der Forschung und die Prämierung ihrer Arbeit geht, trifft man auf Fehler.

Es wäre auch seltsam, wenn es anders wäre. Nobelpreisträger sind trotz des Ruhms und Medienrummels ja auch nur Menschen. In den vergangenen Jahren habe ich einige Male die jährlichen "Lindau Nobel Laureate Meetings" besucht, um von dort zu berichten. Bei dieser Konferenz treffen Nobelpreisträger auf junge Wissenschafter und Wissenschafterinnen aus aller Welt, um mit ihnen über ihre Forschung zu diskutieren.

Die Nobelpreisträger werden dort behandelt wie anderswo Popstars oder berühmte Schauspieler. Hört man ihnen aber bei ihren Vorträgen zu, dann verschwindet der Nimbus des Ruhms schnell: Laureaten sind genauso in der Lage, schlecht strukturierte, langweilige oder unverständliche Vorträge zu halten, wie "normale" Wissenschafter. Das muss man ihnen natürlich nicht vorwerfen – immerhin haben sie ihren Preis nicht für ihre Fähigkeiten bei der Wissensvermittlung bekommen, sondern für ihre Forschungsarbeit. Doch auch was die Wissenschaft angeht, können sie sich irren.

Physiker als Klimawandelleugner

Zum Beispiel der Physiker Ivar Giaever: 1973 wurde er für seine Entdeckungen zum Tunneleffekt in Halb- und Supraleitern ausgezeichnet. Den Physiknobelpreis hat er völlig zu Recht bekommen – bei den Konferenzen in Lindau spricht er allerdings regelmäßig über ein ganz anderes Thema: den Klimawandel. Im Jahr 2012 erklärte er dort zum Beispiel dem Publikum: "Ich habe mich nie sehr stark für die globale Erwärmung interessiert. Wie die meisten Physiker habe ich nicht viel darüber nachgedacht. Aber 2008 nahm ich hier an einer Vortragsreihe über globale Erwärmung teil und musste mich informieren. Ich verbrachte einen Tag oder vielleicht auch nur einen halben Tag auf Google und war erschrocken darüber, was ich erfahren habe."

Das, was Giaever nach diesem "Kurzstudium" der Klimawissenschaft so schockierte, war allerdings nicht die Realität des von Menschen gemachten Klimawandels und seiner Auswirkungen. Seine Google-Recherche machte ihn zu einem Gegner der Klimaforschung. Dass die Erde sich erwärmt, steht für Giaever nicht fest; dass Kohlendioxid für eine Erwärmung verantwortlich ist, will er nicht akzeptieren. Der Klimawandel sei kein Problem, und die Klimaforschung sei gar nicht in der Lage, verlässliche Aussagen zu machen.

Vitamin C gegen Krebs

Dass Giaever sich bei seiner Beschäftigung mit dem Klimawandel auf längst widerlegte Behauptungen von Klimawandelleugnern beruft, irritiert ihn nicht. Seine diesbezüglichen Aussagen unterscheiden sich nicht wesentlich von jenen anderer Sonderlinge, und man könnte sie getrost genauso ignorieren. Aber er ist eben nicht nur ein Sonderling, der unhaltbare Aussagen über die Klimawissenschaft macht, sondern auch ein Nobelpreisträger mit all der damit einhergehenden Aufmerksamkeit.

Giaever ist nicht der einzige Nobelpreisträger, der sich nach der Preisverleihung auf wissenschaftliche Abwege begeben hat. Linus Pauling, der 1954 nicht nur den Nobelpreis für Chemie, sondern 1963 auch den Friedensnobelpreis erhalten hat, hat 1979 auch ein Buch mit dem Titel "Cancer and Vitamin C" veröffentlicht. Darin behauptete er, dass man Krebs durch die Verabreichung von hohen Dosen Vitamin C heilen könne. Diese Hypothese wurde in zahlreichen Studien geprüft und widerlegt – was Pauling aber bis zu seinem Tod nicht davon abhielt, weiterhin die Wirksamkeit seiner Vitaminbehandlung zu propagieren (aus der sich mittlerweile die pseudowissenschaftliche Disziplin der "Orthomolekularen Medizin" entwickelt hat).

Kritisch bleiben

In der Liste der preisgekrönten Genies finden sich noch weitere ähnliche Fälle: Der Chemienobelpreisträger James Watson (ausgezeichnet für die Entdeckung der Struktur der DNA) ist der Meinung, Menschen mit schwarzer Hautfarbe seien weniger intelligent als weißhäutige Menschen. Der Physiker Brian Josephson (der seinen Preis gemeinsam mit Giaever erhielt) beschäftigt sich mit der "Erforschung" von Telekinese, Telepathie und Parapsychologie. Der Chemiker Irving Langmuir wollte Wirbelstürme manipulieren, um "Wetterkrieg" führen zu können. Die Pharmakologin Tu Youyou ist Anhängerin der pseudomedizinischen TCM-Lehre.

All diese Verirrungen haben zwar nichts mit der Forschung zu tun, für die die Wissenschafterinnen und Wissenschafter ausgezeichnet worden sind. Ihre Preise haben alle zu Recht bekommen (obwohl natürlich auch das Nobelpreiskomitee nicht vor Irrtümern gefeit ist). Die Geschichten demonstrieren aber sehr klar, dass jemand, der geniale Arbeit auf einem Gebiet leistet, nicht zwangsläufig zu einem Universalgenie wird. Nobelpreisträger irren sich ebenso wie der Rest der Menschheit. Und man sollte ihren Aussagen ebenso wenig unkritisch folgen wie jenen von Leuten, die keine Medaille vom schwedischen König bekommen haben. (Florian Freistetter, 3.10.2017)