Sechs-Punkte-Plan von Handwerk und Gewerbe gegen Lehrlingsmangel

2. Oktober 2017, 18:13

"Meister" soll künftig ein Titel wie ein akademischer Grad werden

Wien – Den Firmen in Gewerbe und Handwerk fehlen rund 20.000 Fachkräfte, obwohl sie heuer bereits rund 14.000 Personen zusätzlich beschäftigt haben. Insbesondere Baufirmen, Tischler, Friseure, Elektronikbetriebe und Sanitärausstatter suchen Nachwuchs. In den Jahren von 2012 bis 2016 klagten im Schnitt 27 Prozent der Betriebe über Fachkräftemangel, heuer sind es 34 Prozent, so die KMU Forschung Austria.

Nun wollen Gewerbe und Handwerk mit einem Sechs-Punkte-Plan gegensteuern. So soll vor der Lehre die "Ausbildungsreife" stehen, sprich ein Nachweis über Mindeststandards in Lesen, Schreiben und Rechnen. Weiters soll es einen verpflichtenden Talentecheck in der siebenten und achten Schulstufe geben. Und der "Meister" soll ein Titel wie ein akademischer Grad werden.

Finanzielle Unterstützung gefordert

Neben Ausbildungsmaßnahmen forderte heute Renate Scheichelbauer-Schuster, Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk in der Wirtschaftskammer, finanzielle Unterstützung für die Aus- und Weiterbildung. Demnach soll die Lehrlingsentschädigung während der Berufsschulzeit vom Staat bezahlt werden. Und die Ausbildung zum Meister soll mit einem Stipendium ähnlich dem von Studierenden gefördert werden.

Rund 22.000 Euro koste die komplette Ausbildung eines Lehrlings den Ausbildungsbetrieb jedes Jahr, inklusive der Kosten für die Ausbildner in den Betrieben. Jeder zweite Lehrling wird in Gewerbe und Handwerk ausgebildet, sagte Scheichelbauer-Schuster am Montag.

Sogwirkung hin Richtung Schule

Dass die Lehre nicht die Anziehungskraft einer weiterführenden Ausbildung hat, führt Thomas Mayr vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft nur bedingt auf das negative Image zurück. Vielmehr führe der Druck auf die Schulen, ihre Plätze zu füllen, zu einer Sogwirkung Richtung Schule.

Die Zahl der Lehrlinge schwankte in den vergangenen 20 Jahren zwischen 132.000 und 107.000, wobei dieser Tiefststand im Vorjahr erreicht wurde. Den höchsten Stand gab es 2008, dem Jahr der Lehman-Pleite. Die Anzahl der Lehrbetriebe ist ebenfalls seit 2008 im Sinken – von 38.000 auf 28.000 im Vorjahr.

Zahlen, wie sich der Zuzug von jungen Flüchtlingen auf den Lehrstellenmarkt auswirkt, hat die Branche nicht. Aber die Erfahrung zeige, dass die Jugendlichen sehr interessiert und motiviert seien. Allerdings bräuchte es hier mehr Begleitung und Vorbereitungszeit. Zur besseren Integration in den Arbeitsmarkt arbeitet die Branche mit der "Lobby 16" zusammen, einem privaten Unterstützungsverein für junge, unbegleitete Flüchtlinge. (APA, 2.10.2017)