Foto: Woom

Woom-Bike-Gründer: "Ein Kinderrad darf keine 600 Euro kosten"

3. Oktober 2017, 14:00

Der österreichische Kinderradhersteller ist in den vergangenen Jahren international durchgestartet

Klosterneuburg – Mit routinierten Handbewegungen kontrolliert Karl die Speichen, probiert alle Gänge durch und ölt einzelne Teile, die noch klemmen. Karl ist einer der rund 35 Mitarbeiter von Woom Bike, einem Klosterneuburger Kinderradhersteller. In einer Industriehalle an Wiens Stadtgrenze baut Karl täglich um die 20 Fahrräder zusammen und wieder auseinander.

Sämtliche in Europa vertriebene Räder landen am Weg zum Endkunden in Klosterneuburg. Dort werden sie einzeln zusammengebaut, jeder Teil wird noch einmal getestet: "Wenn ein Kind das Rad auspackt, muss alles passen, sonst ist die Enttäuschung groß", sagt Geschäftsführer Marcus Ihlenfeld.

Start in einer Garage

Das österreichische Unternehmen ist mittlerweile im weltweiten Radgeschäft gut etabliert. Angefangen hat die Geschichte der Kinderräder vor sieben Jahren in einer Garage. Ihlenfeld hat damals den Co-Gründer Christian Bezdeka kennengelernt. "Wir waren beide radnarrisch", sagt der Unternehmer – und beide wollten die Radbegeisterung auch ihren Kindern weitergeben. Die damals erhältlichen Kinderräder waren den Gründern jedoch allesamt zu schwer oder einfach "kleingeschrumpfte Erwachsenenräder".

Daraufhin nahmen die zwei Männer, die ursprünglich im Marketing und im Industriedesign tätig waren, die Sache selbst in die Hand. "Wir haben uns jeden Abend nach der Arbeit, und nachdem unsere Kinder im Bett waren, zusammengesetzt", erinnert sich Ihlenfeld. Mehr als zwei Jahre lang haben die beiden an dem ersten Kinderrad getüftelt und Prototypen zusammengebaut: "Das erste war bei weitem nicht so schön wie heute." Als Startkapital bediente sich Woom einer AWS-Förderspritze in der Höhe von 135.000 Euro.

500 Fahrräder in acht Monaten

In den ersten acht Monaten schraubten die Unternehmer 500 Fahrräder in einer Garage in Wien zusammen. Heute produziert Woom 42.000 Räder im Jahr. Mit dem Erfolg hat Ihlenfeld nicht gerechnet: "In unserem Businessplan waren für heuer ursprünglich 2250 Räder vorgesehen."

Woom lässt seine Räder in Kambodscha produzieren, die Teile stammen größtenteils aus Taiwan: "Das ist nicht das günstigste Herstellerland, aber das mit dem meisten Know-how in Asien", so Ihlenfeld. Der Aufbau von der Schraube bis zum fertigen Rad dauert in etwa zwei Stunden. Die Fabriken werden monatlich kontrolliert, die Geschäftsführer machen sich bis zu viermal im Jahr auch selbst ein Bild vor Ort. Ab 2018 dürfte das leichter werden: "Wir kommen wieder nach Europa", sagt Ihlenfeld. Die Kinderräder sollen ab kommendem Jahr in Bulgarien produziert werden. Die Produktion gänzlich nach Österreich zu verlagern wäre laut Ihlenfeld nicht möglich, da der Einzelpreis um 50 Prozent steigen würde: "Ein Kinderrad darf keine 600 Euro kosten."

90 Prozent Eigenentwicklungen

Ein Woom-Bike besteht aus rund 50 Einzelteilen, 90 Prozent davon sind Eigenentwicklungen. So zum Beispiel die grün eingefärbte Rückbremse. Durch diese sollen Kinder lernen, wie Fahrräder funktionieren: "Wenn man einem Dreijährigen sagt: 'Rechts ist die Rückbremse', versteht er das nicht." Die kunterbunten Räder werden in sechs Größen produziert, auf "Prinzessinnenfarben" verzichte man jedoch.

Ein Teil der Unternehmensstrategie von Woom ist das "Upcycling"-Programm. Kunden, die einen Mitgliedsbeitrag bezahlen, können alte Fahrräder wieder an das Unternehmen zurückgeben. Beim Kauf eines größeren Rads bekommen sie dann 40 Prozent des Preises des kleineren Modells rückerstattet.

Nur drei Prozent der Kunden würden das Konzept in Anspruch neben, weil der Gebrauchtpreis auf Plattformen wie Willhaben.at viel höher sei, so Ihlenfeld. Grund dafür seien die teils langen Wartezeiten für die Kinderräder: "Wir sind chronisch ausverkauft." Auch deshalb will der niederösterreichische Konzern bald in Europa produzieren: "In Asien haben wir sechs Monate Vorlaufzeit."

Erstmals schwarze Zahlen

Heuer rechnet Woom – Namensgeber ist übrigens das Geräusch, das ein vorbeifahrendes Fahrrad macht – bei einem Umsatz von 8,5 Millionen Euro erstmals mit schwarzen Zahlen. Trotz des Erfolgs will der Unternehmer die Start-up-Philosophie beibehalten: "Wenn hier jemand sagt: 'Wir machen das so, weil es immer so war', läuft etwas falsch."

Das Unternehmen will künftig das Angebot rund um Kinderräder weiter ausbauen, Räder für Erwachsene wolle man "niemals" produzieren. "Wir träumen von Kinderrädern", sagt Ihlenfeld, "und so viele Gedanken kann man sich nur auf einer kleinen Bandbreite machen."(Nora Laufer, 3.10.2017)