Collage: Armin Karner

Arnon Grünberg: Erziehen heißt manchmal auch Kapitulieren

3. Oktober 2017, 12:17

Serie, Teil 10: Autor Arnon Grünberg ersetzt zwei Wochen lang nonstop einen Vater in einer Familie mit vier Kindern in der niederländischen Stadt Zutphen. Er erstattet täglich Bericht

Im ersten Flüsterboot, das an einem bewölkten Nachmittag in Zutphen ablegt, sitzen lauter Jugendliche mit Down-Syndrom, in dem zweiten Senioren, ein Ersatzvater und drei kleine Kinder.

Ronja, die Älteste, hat einen Freund mitgenommen, Leonard.

Wir sind kaum zehn Minuten unterwegs, als Thura fragt: "Dauert es noch lange?" Es dauert noch eine gute Stunde, aber ich antworte: "Eine kleine Weile."

Aus Langeweile oder Liebe zu Leonard klettert Ronja dem Jungen breitbeinig auf den Schoß. Seinem Gesicht ist nicht zu entnehmen, ob ihm das gefällt oder nicht, aber er wirkt auf mich wie ein Kind, das mit angemessener Ergebenheit Vieles erduldet.

Nur ein paar Senioren um mich herum werfen mir missbilligende Blicke zu. Offensichtlich halten sie es für unziemlich, dass kleine Kinder die Liebe nachspielen, aber der Ersatzvater greift nicht ein. Wir sitzen noch eine Stunde auf dem Boot, und unnötige Konflikte mit meinen Kindern sollten vermieden werden, zumal Thura, womöglich aus Eifersucht, weil ihre Schwester die Liebe gefunden zu haben scheint, sich stets so weit vorbeugt, dass sie ins Wasser zu fallen droht. Als ich das zu verhindern versuche, schlägt sie meinen Arm weg und ruft: "Ich will ins Wasser gucken."

"Aber da gibt’s nichts zu sehen", versuche ich, "schau lieber da hin, wo all die Leute hinschauen."

"Das ist blöd!", ruft sie.

Jetzt besser den Mund halten

Der Ersatzvater beschließt, jetzt besser den Mund zu halten, zum Glück mischen sich die Senioren nicht ein. Erziehung ist zu einem großen Teil die Vermeidung von Konflikten. Erforderlichenfalls muss sich der Erzieher so unsichtbar wie nur möglich machen. Ja, Erziehung heißt auch, in den richtigen Momenten zu kapitulieren.

Das Flüsterboot ist paradiesisch im Vergleich zu dem Ausflug am nächsten Morgen, durch den Regen auf einem Lastenrad, zwei kleine Kinder in der Transportbox, unterwegs zum überdachten Spielplatz Ballorig. Die Mutter ist anderweitig unterwegs, der Ersatzvater ist auf sich selbst gestellt. Das ist ausgezeichnet, auf diese Weise entsteht Bindung mit den Kindern, obschon ich mich etwas besser auf die Bindung mit dem Lastenrad hätte vorbereiten sollen.

Ich schaffe es noch gerade eben, einem Radfahrer auszuweichen, aber einen Senioren kann ich lediglich retten, indem ich laut rufe: "Zur Seite, Mann!"

Ich komme mir vor wie ein Terrorist, und während ich den Senioren nur mit knapper Not verfehle, sehe ich schon die Schlagzeilen in der Zeitung: "Schriftsteller tötet zwei Kinder und Senior. Polizei vermutet vorsätzliche Tat."

Dann der überdachte Spielplatz. Das Wort "Hölle" wird neu definiert.

(Fortsetzung folgt)

(Arnon Grünberg, 3.10.2017)