Was einen Kanzler ausmacht

Kolumne |
4. Oktober 2017, 08:24

Franz Vranitzky war kein Volkstribun, aber er trat so auf, wie das Volk glaubt, dass ein Kanzler auftreten muss

Diesen Mittwoch wird Franz Vranitzky 80 Jahre alt. Er war von 1986 bis 1997 Kanzler – der letzte erfolgreiche Sozialdemokrat in der Position.

Vranitzky hatte vom Typus her gewisse Ähnlichkeiten mit Christian Kern. Er war ein cooler Manager aus dem staatsnahen Bereich, galt daher bei manchen als "Nadelstreifsozialist". Auch er übernahm die Kanzlerschaft und die Partei an einem Tiefpunkt der SPÖ, damals bei der Wahl von Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten (der damalige Kanzler Fred Sinowatz trat zurück). Hier enden aber die Parallelen.

Vranitzky handelte schnell, als Handeln angesagt war. Als sich Jörg Haider in der FPÖ an die Parteispitze putschte – inmitten von "Sieg Heil"-Rufen – kündigte Vranitzky sofort die ererbte Koalition mit dieser Partei und rief Neuwahlen aus. Einerseits war ihm als überzeugten Anti-Nazi der NS-Geruch Haiders zutiefst zuwider, andererseits war es der richtige politische Schachzug. Die SPÖ behielt Platz eins.

Die Abwanderung großer Teile der Arbeiterschaft zu Haider konnte Vranitzky im Laufe der Jahre dennoch nicht verhindern. Aber bei Vranitzkys letzten Wahlen, 1995, erhielt die SPÖ 38 Prozent.

Als Kanzler übernahm Vranitzky auch praktisch das Amt des Staatsoberhauptes, da Kurt Waldheim durch die Schwindeleien und Uneinsichtigkeiten im Zusammenhang mit seiner Wehrmachtszeit am Balkan international isoliert war. Vranitzky verkörperte das "andere Österreich". Später setzte er einen weiteren Schritt, indem er im österreichischen Parlament und an einer israelischen Universität als erster (!) österreichische Bundeskanzler eine Mitschuld der Österreicher an den Verbrechen des Dritten Reiches einbekannte.

Sachpolitisch bewältigte Vranitzky die Redimensionierung der verstaatlichten Industrie, die vorher praktisch pleite war; und den Beitritt Österreichs zur EU.

Vranitzky war kein Volkstribun, aber er trat so auf, wie das Volk glaubt, dass ein Kanzler auftreten muss. Nach einem frühen Schreckenserlebnis (Berater kamen auf die Idee, ihn mit Sinowatz und einer Soubrette Cancan tanzen zu lassen) war er von solchen Mätzchen geheilt. Pizza hätte er keine ausgetragen.

Dass Christian Kern glaubte, so etwas nötig zu haben, hat wohl auch damit zu tun, dass die Sozialdemokratie in Zeiten des Rechtspopulismus und der Globalisierung nicht weiß, wer oder was sie sein soll. Kern selbst schwankt zwischen Wirtschaftsfreundlichkeit ("Plan A") und Verbalklassenkampf ("Holt euch, was euch zusteht"). In solchen Situationen engagiert man dann halt zynische street fighter wie Tal Silberstein – um den Preis, völlig den eigenen Wertekompass zu verlieren.

Kern verkannte fundamental politische Situationen. Er glaubte, mit dem ÖVP-Partner Reinhold Mitterlehner noch weiterregieren zu können, als Sebastian Kurz längst auf Machtübernahme und Neuwahlen aus war. Das Wahlkampfchaos stellt seinen Managementfähigkeiten kein gutes Zeugnis aus. In einem Interview mit dem Standard sagte Vranitzky, Kern brauche noch Zeit. Die hat er aber offenbar verspielt. (Hans Rauscher, 3.10.2017)

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