Als bei Kurz das große Nervenflattern einsetzte

Rezension |
3. Oktober 2017, 17:22

Das Autorenkollektiv beschreibt "das große Nervenflattern", das bei Kurz am 29. Februar 2016 einsetzte, als es darum ging, die mazedonische Grenze zu schließen

Manches, schreiben die drei Kollegen von der Presse, erscheint im Rückblick nicht ganz schlüssig. Ihr Rückblick umfasst im Wesentlichen die Zeit zwischen September 2015 und März 2016 – aber da das Thema Flucht weit in den laufenden Nationalratswahlkampf hineinspielt, ist das zwölf Tage vor der Wahl erschienene Buch natürlich auch Material für die aktuelle Auseinandersetzung.

Gleich zu Beginn wird der Flüchtlingspolitik von Österreich (und Deutschland) "sträfliche Kurzsichtigkeit" attestiert, gleichzeitig aber werden humanitäre Motive als Milderungsgrund genannt. Die Strafe könnte vom Wähler verhängt werden – "das Land ist seither nach rechts gerückt". Anders als in Deutschland, wo Angela Merkel eben wiedergewählt worden ist, hat der Kontrollverlust der Politik schon einen österreichischen Bundeskanzler das Amt gekostet. Und das Presse-Kollektiv schildert auch, dass im Februar für Sebastian Kurz viel auf dem Spiel steht, "vielleicht sogar die Karriere des ÖVP-Überfliegers". Denn Kurz hatte sich mit der Westbalkankonferenz "für alle sichtbar zur Galionsfigur der Grenzschließer" gemacht.

Nun musste er liefern. Das Autorenkollektiv beschreibt "das große Nervenflattern", das bei Kurz am 29. Februar 2016 einsetzte, als es darum ging, die mazedonische Grenze zu schließen. Was, wenn ein Kind am Stacheldraht hängen bliebe? Derartige Bilder, vor denen er selbst gewarnt hatte, wären für Kurz kaum politisch zu überleben gewesen. Aber Kurz hat überlebt, es ist (für ihn) gutgegangen – und damit ist der Außenminister und ÖVP-Chef unausgesprochen auch der Held dieses Buches: "Der Kurz-Mythos entsteht. Seit Wochen schon spielt der junge Außenminister gekonnt über mediale Bande im Nachbarland. Er bedient eine wachsende Nachfrage für gemäßigte Stimmen rechts der Mitte."

Kurz hatte – und hat – gute Kontakte in die deutsche Regierung, deren Spitze sich gegen die Balkanpolitik von Kurz stellte, letztlich aber von ihr profitiert hat. Als zweiter Held tritt im auf den September 2015 rückblickenden Kapitel "Die Nacht, in der Karrieren gemacht wurden" Hans Peter Doskozil auf. Zwei Seiten später "kümmert sich im Hintergrund ÖBB-Chef Christian Kern mit seinem Team" um die Logistik. Ihm attestieren die Autoren rhetorische Begabung und dass er schon in den ersten Tagen der Flüchtlingskrise "den empathischen Staatsmann" gibt: "Auch in der SPÖ, wo immer mehr Genossen von Ermüdungserscheinungen geplagt werden, wenn sie den Namen Werner Faymann hören, wird dieser Auftritt äußerst wohlwollend zur Kenntnis genommen." Folgerichtig heißt das nächste Kapitel "Panik am Ballhausplatz" – fast ein Krimi. (Conrad Seidl, 3.10.2017)

Christian Ultsch, Thomas Prior, Rainer Nowak, "Flucht – wie der Staat die Kontrolle verlor". € 26,90 / 205 Seiten. Molden, Wien 2017