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Schmutzkampagnen und der Krieg der Bilder

5. Oktober 2017, 07:00

Internetphänomene, mit denen strategisch Politik betrieben wird, werden noch viel zu wenig ernst genommen, sagt Kommunikationsexperte Wiggins

Wien – "Der wichtigste Effekt der Facebook-Affäre ist der, dass wir darüber reden", sagt Bradley Wiggins. Dem Kommunikationswissenschafter von der Webster University in Wien ist der genaue Hintergrund der Dirty-Campaigning-Aktivitäten genauso schleierhaft wie den meisten: Es sei nach wie vor verwirrend, was mit den teils rassistischen und antisemitischen Postings bezweckt werden sollte, und welche Parteiinteressen dabei verfolgt wurden.

Wiggins sieht die nun aufgedeckte Kampagne, die offenbar den Ausgang der Nationalratswahlen beeinflussen sollte, in einer Reihe mit anderen Ereignissen der jüngeren Vergangenheit, in denen Fake-News und sogenannte Memes, im Internet verbreitete Bilder und Videos, eine wichtige Rolle spielten: Trumps Wahl zum US-Präsidenten, das Brexit-Votum und Marine Le Pens gutes Abschneiden bei der französischen Präsidentschaftswahl. "Wir haben uns bisher nicht ernsthaft mit Memes beschäftigt", sagt Wiggins, der das Department Media Communications an der privaten Webster-Universität leitet.

Hinter politisch motivierten Memes wie jenen von "Fakebasti" steht eine gezielte Strategie. Was echt ist und was fake, lässt sich nicht immer klar eruieren.

Wiggins analysiert schon seit mehreren Jahren das Phänomen der Memes, die in Form von manipulierten Bildchen, Videos oder Hashtags durch das Netz schwirren, tausendfach gelikt und geteilt werden. "Alle Memes, die politisch sind, auch die, die Kurz als Jugendlichen oder kleinen Bub zeigen, wollen eine Debatte eröffnen, weiterführen, bekämpfen. Es geht darum, dass die Leute darüber reden. Das ist die Magie der Memes – dabei ist nicht wichtig, wer der Urheber ist."

Hinter politisch motivierten Memes, wie sie auf den mittlerweile geschlossenen Facebook-Seiten zu Sebastian Kurz verbreitet wurden, stehe eine Strategie, mit der ein ganz bestimmtes Publikum angesprochen werden soll, betont Wiggins. "Dabei wird ein Stück aus einer realen Nachricht, wie etwa der Flüchtlingsfrage, hergenommen und so gedreht, dass sie eine ganz bestimmte Richtung bekommt, also entweder ein Publikum anspricht, das Angst vor dem Fremden hat, oder eines, das offen gegenüber Einwanderern ist", schildert Wiggins. "Der Punkt ist, dass es immer zwei Zielgruppen gibt: eine, die mit der verbreiteten Message übereinstimmt, so dumm und lustig sie auch ist, und die andere, die dagegen ist. Es geht also um Fragmentierung."

Wahrheit und Weltsicht

Gefälschte Nachrichten, Fake-News, würden genauso funktionieren: Ein Teil der echten Geschichte wird mit Falschinformationen verknüpft, wie etwa im Fall des Hurrikans Harvey, wo gefälschte Bilder mit Haien auf der Autobahn verbreitet wurden. Genauso würden Leute, die nicht an den Klimawandel glauben, auch nicht durch einen Hurrikan überzeugt. "Sie haben kein Interesse daran, den Wahrheitsgehalt von Nachrichten zu überprüfen, die ohnehin mit ihrer Weltsicht übereinstimmen", sagt Wiggins.

Eine entscheidende Rolle komme dabei den sozialen Medien und Newsfeeds zu, die ganz persönlich auf den jeweiligen Nutzer und dessen Meinungen zugeschnitten sind. "Facebook ist eine Plattform für Nachrichten, die man lesen will", fasst Wiggins zusammen. Je polarisierender ein Thema, sei es die Flüchtlingsfrage oder die Homo-Ehe, desto eher würden Menschen dazu tendieren, bei ihren vorgefertigten Annahmen zu bleiben und auch Falschmeldungen zu glauben, stellt Wiggins fest.

Zwar würden höher gebildete Menschen eher Inhalte und Meinungen hinterfragen, generell sei diese Fähigkeit aber keine Frage der Ausbildung und sozialen Herkunft. Wiggins verweist auf eine aktuelle Studie der Stanford-Universität, bei der 7800 Schüler und Studenten Onlineartikel und Nachrichten bewerten mussten. Je nach Fragestellung waren bis zu 90 Prozent nicht imstande, echte Nachrichten von Falschmeldungen zu unterscheiden. "Das ist beängstigend. In diesem Licht ist die Wahl von Trump Symptom eines größeren Problems."

Kampf um Aufmerksamkeit

Das Hauptproblem sieht Wiggins in der Fragmentierung der Gesellschaft durch das Internet und dem Kampf um Aufmerksamkeit in einer von Likes, Postings und Tweets getriebenen Onlinekommunikation. In diesem Ringen um Aufmerksamkeit sind über das Internet verbreitete Memes, die ganz gezielt als Wahlkampfstrategie eingesetzt werden, weitaus effektiver als etwa schnöde Plakate auf den Straßen. Donald Trump ist in diesem Sinn die Verkörperung jener Entwicklungen, die von Internet ausgehend in die politische Kultur, auch hierzulande, Einzug gehalten haben – nur dass Trump nicht anonym Lügen verbreitet, sondern in aller Öffentlichkeit.

Ein von der Alt-Right-Bewegung verbreitetes Meme zeigt klar, wofür Trump steht.
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Doch natürlich gab es auch im Fall der US-Wahl Hintermänner, die gezielt Fake-News und manipulative Memes verbreiteten. Inwieweit die Alt-Right-Bewegung der radikalen Rechten in den USA während des Präsidentschaftswahlkampfs und danach Memes im Umlauf brachte, hat Wiggins in einer noch nicht veröffentlichten Studie untersucht.

"Die Alt-Right-Bewegung war strategisch mobilisiert, und die Idee eines Kriegs der Memes ein taktischer Schlag", sagt der Experte für strategische Kommunikation. Mitglieder der Alt-Right-Bewegung, die sich in Onlineforen als Soldaten eines "Großen Meme-Kriegs" bezeichnen, waren verantwortlich für eine ganze Reihe an antisemitischen, frauenfeindlichen und rechtsextremen Memes. "Die Leute lachen darüber und teilen sie. Und Trump profitiert davon, da so seine Ideologie von Angst, Verwirrung und dem Infragestellen von Wahrheit transportiert wird."

Flexible Fakten

Eines stellt Wiggins aber klar: Für ihn ist Trumps Ideologie nicht "postfaktisch", wie so oft tituliert. "Trump nutzt sehr bewusst, dass Wahrheit dehnbar und flexibel sein kann." Wiggins gibt ein aktuelles Beispiel: "Wäre der Attentäter von Las Vegas ein Muslim oder ein Schwarzer, würde man von Terror sprechen. Aber auch wenn es ein wütender weißer Mann ist, und die Medien von einer Massenschießerei sprechen, gibt es verschiedene Sichtweisen: Für manche ist es ein isolierter Einzelfall, für andere Teil eines größeren Waffenproblems und damit ein Terrorakt."

Mitunter imitiert die Realität die Fiktion – das Treffen von Trump und Putin fand nach jenem von "House of Cards"-Protagonist Underwood und seinem Counterpart statt.
foto: screenshot

Mitunter führt der Mix aus Realität und Fiktion in der digitalen Kultur dazu, dass fiktive Storys die echte Welt überholen, wie Wiggins anführt: Ein Foto, das Trump und Putin zeigt, ähnelt frappierend einer Szene aus House of Cards, wo Protagonist Frank Underwood seinen russischen Counterpart trifft – bloß dass das fiktive Bild vorher da war. So weit ist es im heimischen Wahlkampf (noch) nicht gekommen. (Karin Krichmayr, 5.10.2017)