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Umstrittenes Kindergartenurteil: "Schlag in Magengrube"

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4. Oktober 2017, 07:40

BSO-Präsident Hundstorfer und ÖOC-General Mennel wollen Pädagogen helfen und denken dabei an eine Versicherung ähnlich wie bei Skikursen

Wien – "Welche Pädagogin und welcher Pädagoge traut sich jetzt noch, Kinder in Bewegung zu bringen? Wer tut sich das noch an?" Fragen, die sich viele gestellt haben, Fragen, die sich auch Hans Peter Doskozil, Rudolf Hundstorfer und Peter Mennel stellen. Das umstrittene Grazer Kindergartenurteil beschäftigt nun auch die heimische Sportpolitik. Eine steirische Kindergärtnerin respektive die Gemeinde als Kindergartenbetreiber war zu 15.000 Euro Schadenersatz verurteilt worden, weil sich eine Fünfjährige den Ellenbogen brach, als sie beim Rutschen aus einer Höhe von sechzig Zentimetern auf einen Mattenboden fiel.

ÖOC-Generalsekretär Mennel "richtiggehend erschrocken"

Für Hundstorfer, den Präsidenten der Bundes-Sportorganisation (BSO), ist das Urteil "ein Schlag in die Magengrube". ÖOC-Generalsekretär Mennel sagt, er sei "richtiggehend erschrocken". Und Sportminister Doskozil (SPÖ), ebenfalls vom Standard zu dieser Causa befragt, hält fest: "Die Verurteilung darf keine Abschreckung darstellen und die Pädagoginnen und Pädagogen keinesfalls in Misskredit bringen."

Wer haftet bei Ausflügen und Sportveranstaltungen von Kindergärten und Schulen? Grundsätzlich sind diese Institutionen für die Sicherheit zuständig, aber es gibt auch Ausnahmen, wenn etwa Skikurse von Vereinen zugekauft werden. Ein Beitrag aus "Kärnten heute".
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Der organisierte Sport sieht sich in der Pflicht, nachdem nicht zuletzt Hans Holdhaus, seit zwanzig Jahren Direktor des Instituts für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung (IMSB) im Olympiazentrum Südstadt, den Richterspruch einen "Angriff auf die natürliche Entwicklung von Kindern" genannt hatte. Doskozil stimmt zu. Jede Verletzung sei "tragisch und bedauerlich. Aber gesundheitliche Folgen, die in Ermangelung artgerechter Bewegung entstehen, wiegen à la longue weit schwerer."

Holzhaus und der Hebel

Doskozil verweist auf die zumindest in Burgenlands Pflichtschulen fast flächendeckende Einführung der täglichen Turnstunde. Der Minister will "das Projekt auf die Kinder im Vorschulalter ausweiten", das sei "Teil des Gesamtkonzepts und der Sportstrategie". Holdhaus würde den Hebel am liebsten noch früher ansetzen, denn: "Was bei Kleinkindern versäumt bzw. unterbunden wird, führt, wissenschaftlich belegt, zu einer kranken Gesellschaft." Und Urteile wie jenes des Grazer Oberlandesgerichts würden diese Entwicklung beschleunigen.

Wie also gegensteuern? Da schwebt dem BSO-Chef Hundstorfer Ähnliches vor wie dem ÖOC-General Mennel. Beide denken an eine Versicherung, die Kindergärten, Schulen und das jeweilige Personal im Fall eines Unfalls aus der Haftung nehmen sollte. Mennel, auch Präsident der Eishockeyliga und Finanzreferent des Skiverbands (ÖSV), hat ein Beispiel vor Augen. "Der ÖSV bietet bei Skikursen eine Unfallversicherung an, die einen Euro pro Kind und Woche kostet."

Kritischer rechtlicher Rahmen

Eine ähnliche Absicherung für Sportunfälle in Kindergärten und Schulen hält auch Hundstorfer für erstrebenswert. Er will in den nächsten Tagen "Gespräche führen", hält gar "eine parlamentarische Initiative" für möglich, die nach den Wahlen "in die neue Legislaturperiode übergehen soll". Denn angesichts des Grazer Urteils, sagt Mennel, bewegen sich Pädagoginnen und Pädagogen "derzeit in einem rechtlichen Rahmen, den man kritisch nennen kann".

Sportverbände und Sportvereine könnten Kindergärten und Schulen entlasten, wenn sie mit ihren Angeboten dorthin durchdringen würden. Teilweise passiert das schon, die BSO-Initiative "Kinder gesund bewegen" hat seit September 2009 mehr als 7500 Kindergärten und Volksschulen erreicht und dabei 350.000 Bewegungseinheiten abgehalten. Die Fortsetzung der Initiative ist derzeit bis zum Ende des Schuljahrs 2018/19 gesichert.

Natürlich sind Trainerinnen und Trainer darauf angewiesen, dass Pädagoginnen und Pädagogen mit ihnen kooperieren wollen. Mag sein, wenigstens in dieser Hinsicht könnte das Kindergartenurteil quasi als Türöffner wirken. "Selbst wenn alle Vorschriften eingehalten werden, können Unfälle passieren", sagt BSO-Chef Hundstorfer. "Im Sport ist das so. Im Leben ist das so." (Fritz Neumann, 4.10.2017)