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Kataloniens Last der Geschichte

Userkommentar |
6. Oktober 2017, 18:42

Die Konfrontation vom 1. Oktober hat tiefe historische Wurzeln. Die Triebkraft jahrhundertelanger Zurücksetzung wird weiterhin Unruhe stiften

Am 1. Oktober 2017 haben sich die Katalanen mit 90,18 Prozent (bei einer Wahlbeteiligung von 43 Prozent) für die Unabhängigkeit ihres kleinen, aber wirtschaftlich starken Landes ausgesprochen. Die spanische Zentralregierung und ihr Höchstgericht haben sich im Vorfeld massiv gegen diese Abstimmung ausgesprochen und sie als verfassungswidrig gebrandmarkt, es kam auch zu Zusammenstößen zwischen Polizeikräften und zumeist jugendlichen Demonstranten. Trotz der von beiden Seiten betriebenen Eskalation hätte es weit schlimmer kommen können. Es gab noch eine gewisse Mäßigung der Brutalität. Aber die Triebkraft jahrhundertelanger katalanischer Zurücksetzung wird weiterhin Unruhe stiften.

Die heutige Medienwelt ist dem Augenblick und der Aktualität verhaftet. Blickt man aber ein wenig in die Geschichte, wird deutlich, dass die Konfrontation vom 1. Oktober tiefe historische Wurzeln hat.

Der Leidensweg der Katalanen

Im Spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714) ging es um die Frage, ob ein Bourbone oder ein österreichischer Habsburger den verwaisten spanischen Thron einnehmen sollte. Die Katalanen hatten das Pech, auf der unterlegenen, der habsburgischen Seite zu stehen. Der habsburgische Prätendent, übrigens der Vater Maria Theresias, bekam letztlich zwar nicht Spanien, wurde aber als Karl VI. römisch-deutscher Kaiser. Die Bourbonen eroberten Barcelona trotz heroischer Gegenwehr, und sie errichteten im katalanischen Königreich Aragon eine zentralistische Diktatur.

Die katalanische Sprache wurde verboten, die Stadt Barcelona durch Mauern und Festungen in Schach gehalten. Dennoch blieb der katalanische Widerstandsgeist ungebrochen, immer wieder kam es zu Aufständen, und als sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts Gelegenheit bot, die verhassten "Muralles" und die Zitadelle, die Zwingburg der bourbonischen Zentralisten, abzubrechen, geriet die Demolierung ihrer Symbole zum Volksfest – ähnlich wie ein Jahrhundert später beim Fall der Berliner Mauer.

Aber der Leidensweg der Katalanen war nicht vorbei. Der Spanische Bürgerkrieg 1936–1939 sah die Katalanen wieder auf der "falschen", nämlich auf der republikanischen Verliererseite. Die Folge: Erneutes Sprachverbot, das sich erst gegen Ende der Franco-Diktatur lockerte. Die berühmten Auftritte von Lluís Llach, dem Barden des freien Katalonien, füllten damals ganze Fußballstadien.

Die "Holländer Spaniens"

Wirtschaftlich gesehen war und ist Katalonien der wahrscheinlich stärkste Teil der Iberischen Halbinsel. Zwar blieb das Land, in dem die freie Bauernschaft und das Händlertum gediehen, von dem auf Sevilla konzentrierten Amerika-Handel ausgeschlossen, aber die Industrielle Revolution fand hier früher als im politisch dominierenden Zentralspanien statt. So ist damit zu rechnen, dass die tüchtigen Katalanen, die als "Holländer Spaniens" gelten, weiterhin gegen die Vorherrschaft Madrids aufbegehren und ihr Selbstbestimmungsrecht einfordern werden.

Ob sie ihr Ziel, die formelle Unabhängigkeit, erreichen können, scheint zweifelhaft. Schon das diesbezügliche Versprechen der 14 Punkte Woodrow Wilsons zu Ende des Ersten Weltkriegs konnte nicht gehalten werden. Im Umfeld der Umbrüche im Osten kam es zwar zu einigen (überraschend) friedlichen und auch populären Abtrennungen "Neuer Nationen", etwa im Fall Slowakei/Tschechien oder der baltischen Republiken. Weniger erfolgreich verlief die Aufteilung Jugoslawiens. Die Unabhängigkeitsabstimmung der irakischen Kurden erscheint angesichts der Gegnerschaft praktisch aller angrenzender Mächte, speziell des Irans und der Türkei, praktisch chancenlos. Und das tragische Schicksal Biafras machte deutlich, dass der afrikanische Kontinent mit seinen zum Teil sehr willkürlich gezogenen Kolonialgrenzen eine Büchse der Pandora darstellt, die niemand öffnen möchte. Schließlich haben auch die politischen Eliten moderner Staaten wie Großbritanniens oder Kanadas historisch legitimierte regionale Abspaltungen aus wirtschaftlichen Gründen ebenso zu fürchten wie Spanien, das ja auch seine Probleme mit dem Baskenland hatte und zum Teil wohl noch hat.

Was wäre so schlimm daran?

Vor diesem Hintergrund erschiene eine Durchsetzung der katalanischen Unabhängigkeitsforderung ebenso überraschend wie eine gleichartige Entwicklung in Bezug auf Schottland. Dennoch muss man sagen: Was wäre so schlimm daran, wenn die Sitzungssäle der Europäischen Union vergrößert würden, um den Vertretern einiger neuer Kleinstaaten Raum zu geben? Katalonien mit seiner zum Teil sehr tragischen Geschichte hätte sich ein solches Experiment verdient. (Robert Schediwy, 4.10.2017, Update 6.10.2017)

Robert Schediwy ist Sozialwissenschafter und Kulturpublizist.

Update, 6. Oktober: Richtig ist, dass sich im jüngsten Referendum nicht die Mehrzahl aller Stimmberechtigten Kataloniens für die Unabhängigkeit ausgesprochen hat sondern bloß die große Mehrheit der Abstimmenden. Schade, dass die Reaktionen auf den Kommentar so häufig an einer missverständlichen Formulierung hängen blieben.

Angesichts der Umstände, unter denen die Abstimmung stattfand, war die Zahl der Zustimmenden allerdings beachtlich hoch – und das Instrument des Wahlboykotts ist ein demokratiepolitisch höchst problematisches. Nicht umsonst kennt die Schweizer Referendumsdemokratie kein Mindestquorum bei der Ausübung der Volksrechte. Dort wo es historisch existiert, etwa in der Verfassung der Weimarer Republik und in der italienischen Verfassung, führte es regelmäßig zum Boykottaufruf und zum Effekt, dass die Gegner eines Gesetzesprojekts die daheim Gebliebenen ihrer Seite zuzählen konnten. Das geschieht jetzt auch in Katalonien. Nebenbei bemerkt führt so ein Quorum (meist sind 50 Prozent Mindestteilnahme erfordert) zur faktischen Aufhebung des Wahlgeheimnisses und zur Parole der Abstimmungsgegner, man werde sich "schon genau ansehen", wer da zur Wahlurne geht.

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