Hälfte der Lungenkrebspatienten braucht keine Chemo

4. Oktober 2017, 12:40

Experten zufolge ist die Chemotherapie als erster Therapieschritt für einen erheblichen Teil der Patienten nicht mehr erforderlich

"Früher hat jeder Lungenkrebspatient eine Chemotherapie mit all ihren möglichen schweren Nebenwirkungen bekommen – heute kann bei rund der Hälfte der Patienten die ‚Chemo‘ bereits in der Erstlinientherapie vermieden werden", sagt Maximilian Hochmair, Leiter der Onkologischen Ambulanz und Tagesklinik am Otto-Wagner-Spital in Wien.

Der Grund dafür: Zielgerichtete Therapien und die Immuntherapie können heute bereits im ersten Behandlungszyklus (Erstlinientherapie) des Lungenkrebses (Bronchuskarzinom) zum Einsatz kommen. In der Vergangenheit war dies nicht der Fall: Diese kostenintensiven Therapien wurden nämlich erst eingesetzt, wenn die Behandlung mittels Chemotherapie nicht den gewünschten Erfolg zeigte.

Die "Kosten-Nutzen-Rechnung" für den Patienten sei dadurch deutlich besser geworden – auch wenn diese Therapien natürlich sehr teuer sind, wie Hochmair betont. "Aber der Patient erspart sich die Nebenwirkungen der Chemotherapie, die ja alle sich im Körper schnell teilenden Zellen angreift, also auch gesunde. Zielgerichtete Therapien hingegen greifen nur ein ganz spezielles Ziel am Tumor und somit nur den Tumor an, Immuntherapien aktivieren das körpereigene Abwehrsystem. Das bedeutet für den Patienten weniger Nebenwirkungen und bessere Behandlungsergebnisse", so der Onkologe.

Krebs besser "verstehen"

Jene Patienten, bei deren Tumor kein Ziel gefunden wurde, müssen allerdings weiterhin mit einer Chemotherapie behandelt werden. "Aber auch hier gibt es neue Erkenntnisse", sagt Hochmair. "Wir geben zum Beispiel eine Kombination aus Chemo- und Immuntherapie, wobei durch die Chemotherapie der Tumor gleichsam ‚angeheizt‘ wird. In der Folge schüttet er immunmodulierende Substanzen aus, die das Immunsystem stärken – dann greift auch die Immuntherapie besser."

Dem Exoerten zufoge sei ein weiterer enormer Fortschritt, dass heute eine Vielzahl von Biomarkern bekannt ist. Das sind charakteristische Merkmale am Tumor, die objektiv gemessen werden können. Mit ihrer Hilfe können sowohl prognostische Aussagen, die den Krankheitsverlauf betreffen, als auch prädiktive Aussagen, also die Wahrscheinlichkeit des Ansprechens auf ein bestimmtes Medikament, getroffen werden.

Von zunehmender Wichtigkeit sind die prädiktiven Biomarker, denn damit kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit voraussagen, auf welche Therapieform der jeweilige Tumor voraussichtlich am besten ansprechen wird. "Man kann heute dank immer neu identifizierter Biomarker also viel genauer voraussagen, wer auf welche Therapie wie ansprechen wird."

Wahl der Therapie

Hochmair verdeutlicht dies am Beispiel des Biomarkers EGFR: Der EGF-Rezeptor wird in verschiedenen Tumorarten hochreguliert und/oder in mutierter Form vorgefunden, was dazu führt, dass die Tumorzellen unkontrolliert wachsen und sich vermehren. Als Folge davon kommt es bei Tumoren mit diesem Biomarker oft auch zu einer verstärkten Metastasenbildung, also zu einer Absiedlung von Tochter-Krebszellen.

Moderne zielgerichtete Krebstherapien zielen darauf ab, dieses onkogene Signal von EGFR zu blockieren und somit das Tumorwachstum zu unterbinden. "Liegt also eine EGFR-Mutation im Tumorgewebe vor, kann man dem Patienten die Chemotherapie ersparen und ihn bereits in der Erstlinientherapie mit einer zielgerichteten Therapie behandeln. Als 2007 die ersten Medikamente, die am Wachstumsfaktor EGFR angreifen, auf den Markt kamen, haben nur 10 Prozent der Patienten, die diese Therapie erhalten haben, davon auch wirklich profitiert. Heute kann man viel genauer voraussagen, wer darauf anspricht und wer nicht.", erklärt Hochmair.

Eine ähnliche Entwicklung hat es bei der Immuntherapie gegeben. "Bei ihrem Aufkommen hat es einen richtigen Hype gegeben, doch bald merkte man, dass nur ein geringer Prozentsatz der damit behandelten Patienten auch wirklich davon profitierte. Heute wissen wir zum Beispiel, dass Patienten, die ein bestimmtes Oberflächenprotein der Zellmembran verstärkt ausbilden (hohe PDL1-Expression; Anm.), deutlich besser auf die Immuntherapie ansprechen als auf die Chemotherapie. Hingegen sprechen Patienten mit raschem Tumorwachstum und negativer PDL1-Expression kaum auf die Immuntherapie an. Somit können wir nun auch die Immuntherapie viel zielgerichteter einsetzen", resümiert der Onkologe. (red, 4.10.2017)