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Laufsteg Paris: Bauchfreie Verjüngungskur

4. Oktober 2017, 20:00

Knappe Shorts, freie Bäuche, schrille Farben: Große Häuser wie Dior, Chanel oder Louis Vuitton haben bei der Pariser Fashion Week auf jugendliche Looks gesetzt

"Die Kollektionen werden immer jünger", bemerkte eine Mode-Redakteurin beim Verlassen des alten Burggrabens unter dem Louvre-Museum. Hier fand die Louis Vuitton Show am Dienstagabend statt, mit der die Pariser Fashion Week ein spektakuläres Ende nahm. Die alten Gemäuer sind ein Relikt aus alter Zeit, als der Louvre noch eine Festung war. Das Ambiente hätte nicht passender sein können für die barocken Schoßröcke aus prachtvollem Brokat, die sich Chefdesigner Nicolas Ghesquière für den kommenden Frühjahr/Sommer ausgedacht hatte. Durch die Kombination mit sportlichen Seiden-Boxershorts und dicken Turnschuhen übertrug er sie ins 21. Jahrhundert.

Blanke Bäuche und knappe Shorts bei Louis Vuitton.
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Doch in der Tat, abgesehen von einigen hochgeschnittenen Hosen, an denen vertikale Rüschennähte verliefen, richtete sich die Show vor allem an ein junges Publikum. Die Shorts bedeckten gerade einmal den Po und unter den nach unten aufklappenden Mänteln lagen die Bäuche frei.

Noch freizügiger wurde die Mode eine Woche zuvor von Anthony Vaccarello propagiert. Weite Piratenblusen flatterten hier über ultraknappen Ledershorts, als die Models über das riesige Betonfeld liefen, das für die Show von Saint Laurent über den Trocadero-Platz gebaut wurde.

Ultraknappe Ledershorts und -kleider bei Saint Laurent.
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Seit Vaccarello die Führung übernommen hat, steht Saint Laurent mehr denn je für junge und sexy Designs.

Offener Laufsteg bei Saint Laurent.
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Aber auch Marken, die traditionell für Eleganz und erwachsene Mode stehen, waren diesen Saison auf jung und schrill getrimmt. So wie die Kollektion von Christian Dior. Maria Grazia Chiuri wollte der Arbeit weiblicher Künstler eine Bühne geben und hatte dabei an Niki de Saint Phalle gedacht. Dekorative, bunte Herzen auf Lederkleidern, Pullover mit aufgestickten Pailletten-Drachen und Spiegelmosaik-Kleider erinnerten an ihre berühmten Nanas.

Niki-de-Saint-Phalle-Motive bei Dior.
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Chiuri mischte das Ganze mit bereits von ihr bekannten Looks, wie den langen transparenten Tüllröcken, die sie diesmal über buntgeringelte Strickunterhosen warf. Dazu kombinierte sie kniehohe Stiefel aus Netzstoff, langhaarige Fellmäntel und Leopardenmuster.

Selbst Chanel gönnte sich eine Verjüngungskur und verwandelte seine klassischen Chanel-Tweeds in bauchfreie Bustiers und kurze Shorts mit frechen Fransen. Während die Models über Holzstege an moosbewachsenen Felsen vorbeiliefen, spritzten ihnen prasselnde Wasserfälle vor die Füße. Zum Glück waren sie mit regenfesten Accessoires ausgestattet: Capes, Hüte, Stiefel und Handschuhe kamen aus transparentem Vinyl daher. Hübsch, funktional und vor allem ohne das eigentliche Outfit zu verstecken. Die Kollektion wirkte dadurch erfrischend neu.

Bei Chanel flanierten die Models über Holzstege an moosbewachsenen Felsen vorbei ...
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Auf dem Kopf trugen sie (hier Kaia Gerber, Tochter von Cindy Crawford) regenfeste Accessoires.
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Nicht unbedingt jünger, dafür aber deutlich weicher war die Debüt-Kollektion von Clare Waight Keller für Givenchy. 12 Jahre lang hatte vor ihr Riccardo Tisci für düstere Gothic-Looks gesorgt. Nun wechselten sich asymmetrische Chiffonkleider, Rüschenkrägen und fließende Plissee-Röcke mit scharf geschnittenen Blazern und verwaschenem dunkelgrauem Denim ab. Auch Männer liefen bei der Show, die im imposanten Palais de Justice stattfand. Sie trugen elegante Sakkos auf nackter Haut, ärmellose Bikerjacken und Smokings mit glitzerndem Revers. Sicherlich keine so unverkennbare Handschrift wie die von Tisci, aber eine gelungene Mischung aus Glamour und Rock.

Bei Givenchy zeigte Designerin Clare Waight Keller ihre erste Kollektion.
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Wie man moderne und generationenübergreifende Looks entwirft, bewies vor allem Stella McCartney. Klassische, aber lässig geschnittene Zweireiher peppte sie mit schwarzen Taschen auf, die mit breiten und aufwendig gehäkelten Schulterriemen verziert waren und quer über die Brust getragen wurden. Voluminöse Volant-Kleider kamen in bunten, afrikanischen Prints, übergroße Jeansjacken in verwaschenen Neonfarben. Die nötige Coolness verlieh McCartney ihren Models durch bunt verspiegelte Visierbrillen, mondäne Eleganz durch pinkfarbene spitze Pumps mit großer glitzernder Kugel auf dem Spann. Ihre Kollektionen sind nicht nur stilistisch anspruchsvoll, sie bemüht sich auch, für Mensch und Umwelt verträglich zu produzieren.

Übergroße Jeansjacken zeigte Stella McCartney.
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Auch Dries Van Noten zeigte eine starke Kollektion, die wie immer durch ihren Mix aus Mustern und Farben bestach. Fließende Seidentücher waren patchworkartig zu Kleidern, Mänteln oder Oberteilen genäht. Besonders schön waren diesmal wiederkehrende funkelnde Details, wie ein hauchdünner Strassgürtel um den hautfarbenen Blazer gewickelt, große Broschen und Ohrringe, aber auch glitzernder Lippenstift und Lidschatten.

So stellt sich Dries Van Noten das kommende Frühjahr vor.
foto: apa/afp/alain jocard

Für Spannung sorgten in dieser Saison aber vor allem unbekannte Namen und Neuzugänge. Allen voran Natacha Ramsay-Lévi, die mit einer Mischung aus folkloristischen Kleidern und groben Cowboy-Stiefeln ein erfolgreiches Debüt bei Chloé feierte. Auch der Schweizer Serge Ruffieux setzte bei seiner ersten Kollektion für Carven durch farbige Ethno-Elemente und außergewöhnliche Silhouetten eigene Akzente. Nicht alle überzeugen konnte dagegen die allzu schlichte Vision von Olivier Lapidus für Lanvin. Ob seine etlichen Variationen des Kleinen Schwarzen das gebeutelte Modehaus endlich aus der Krise holen können, ist fraglich. Welche Jugendlichen sich die kurzen Shorts von Chanel, Louis Vuitton oder Saint Laurent werden leisten können, ebenso. (Estelle Marandon, 4.10.2017)

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