Illustr.: Blaue & Blaue 1654

Warum ein Dorf im 18. Jahrhundert unter Sand begraben wurde

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7. Oktober 2017, 10:00

Während nahe Siedlungen verschont blieben, mussten die Bewohner von Broo den Folgen von gewaltigen Sandstürmen weichen

Lewiston – Die Bewohner der schottischen Shetlandinseln sind schlechtes Wetter gewohnt. Die Inselgruppe liegt ungeschützt im Nordatlantik, nur wenige Hundert Kilometer südlich des Polarkreises. Heftige Stürme und ständiger Regen sind Teil des Alltags dieser Menschen, die hier bereits vor Jahrtausenden siedeln.

So erfolgreich sie bis dahin auch im Kampf gegen die Elemente waren, etwa ab dem Jahr 1665 sahen sich die Einwohner des Dorfes Broo im Süden der Shetlands einer Naturgewalt gegenüber, der sie letztlich nichts entgegen zu setzen hatten: Eine Serie von Sandstürmen von ungekannten Ausmaßen zog über die Region hinweg, begrub Häuser und Straßen unter sich und verdarb die Felder. Nun glauben Wissenschafter die Ursache für dieses Wetterphänomen gefunden zu haben – und warum benachbarte Siedlungen damals verschont geblieben sind.

Broo (hier Brow) etwa in der Mitte der Karte, war ab Mitte des 16. Jahrhunderts schweren Sandstürmen ausgesetzt, die das Dorf schließlich unter sich begruben.
illustr.: blaue & blaue 1654

Vom Ärgernis zur Katastrophe

Den Menschen auf den nahezu baumlosen Shetlandinseln waren herkömmliche Sandstürme eigentlich vertraut. Vom Meer her blasende Winde transportierten manchmal auch größere Mengen von den Stränden landeinwärts, doch selbst diese stellten für die Menschen lange Zeit allenfalls ein Ärgernis dar. Erst als eine globale Abkühlung, auch bekannt als "Kleine Eiszeit", im 16. und 17. Jahrhundert das Klima der Inseln in der Nordsee veränderte, nahmen die Sandstürme an Heftigkeit zu.

Warum Broo jedoch so schwer betroffen war, dass die Bevölkerung schließlich fliehen musste, während in der Nähe gelegene Farmen und Städte unberührt blieben, war lange Zeit ein Rätsel. Ein Team um Gerald Bigelow vom Bates College in Lewiston (US-Bundesstaat Maine) ist nun diesem Mysterium nachgegangen. Mithilfe der sogenannten optisch-stimulierten Lumineszenz-Datierung, die zeigt, wann eine Sedimentschicht das letzte Mal Licht ausgesetzt war, konnten die Forscher zwei besonders schwere Sandsturm-Phasen ausmachen.

Video: Die Kleine Eiszeit und eine ungünstige Lage besiegelten das Schicksal von Broo.
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Geringe Windgeschwindigkeit

Diese Unwetter Mitte des 16. Jahrhunderts und in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts häuften an Hauswänden und anderen Strukturen mehr als zwei Meter Sand auf. Wetteraufzeichnungen aus dieser Zeit berichteten zudem von ungewöhnlich windigen Bedingungen auf den Shetlandinseln. Mithilfe dieser Daten und einem Computermodell der Inseltopographie stellten Bigelow und seine Kollegen fest, dass rund um Broo die Windgeschwindigkeiten jedoch dramatisch abfielen.

"Sand bleibt üblicherweise liegen, wenn die Windgeschwindigkeit sinkt", erklärt Matthew Bampton, Koautor der im "Journal of Archaeological Science" veröffentlichten Studie. "Und das dürfte dem Dorf im Unterschied zu benachbarten Siedlungen zum Verhängnis geworden sein." Jahrhunderte lang hätten die Farmer den gelegentlichen Sandstürmen erfolgreich getrotzt, doch die Wetterbedingungen der "Kleinen Eiszeit" und die ungünstige Lage von Broo besiegelten schließlich ihr Schicksal. Spätestens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gaben die Bewohner Broo gänzlich auf und zogen fort. Noch heute erstrecken sich in dieser unbewohnten Gegend weite Sandflächen. (tberg, 7.10.2017)