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Spiel, Spaß und Neugier – ohne Spielzeug

Blog |
6. Oktober 2017, 07:14

Kinder entdecken spielend die Umwelt. Jedes Spiel ist ein kleiner Lernschritt und schult die sozialen Fertigkeiten

Antonia (4), Lena (7) und Wolfgang (10) sind bei ihrer Tante Irmgard zu Besuch. Ganz oft spielen die Kinder mit ihr ein selbstausgedachtes Rollenspiel: Die drei sind Vogelkinder, und die Tante muss versuchen, diese so gut es geht mit kleinen Würmchen, die aus süßen Gummischnüren zusammengeschnitten sind, zu füttern. Den Kindern macht dieses Spiel enormen Spaß, und Irmgard spielt so lange mit, wie der Vorrat an "Regenwürmern" reicht.

Deyan (9) spielt mit seinem Freund Peter (8) nach der Aufgabe in der Nachmittagsbetreuung immer das gleiche Brettspiel. Beide haben dabei oft ganz viel Spaß, aber jedes Mal, wenn Peter dabei ist zu verlieren, beginnt der Junge zu schreien. Wütend wischt er dann meist das ganze Brettspiel vom Tisch und rennt aus dem Gruppenraum.

Lilo (5) spielt in der Sandkiste. Sie schaufelt den Sand in die Sandförmchen und baut eifrig Kuchen. Papa Hannes hat ihr gezeigt, dass sich Sandkuchen mit nassem Sand viel besser formen lässt. So holt sie schon zum wiederholten Male von dem kleinen Brunnen neben der Sandkiste Wasser für ihr Spiel. Beim Tragen schwappt das kühle Nass über, und Lilo ist nicht nur vom Spielen in der Sandkiste ganz matschig. Aber sie ist eifrig dabei, Kuchen für alle Menschen, die sie liebhat, zu machen.

Spielen ist lernen

Kinder spielen von Anfang an. Alles, was sie tun, ist ein Spiel oder wird automatisch in ein Spiel verpackt, damit es möglichst lustvoll erlebt werden kann. So ist das Entdecken der Umwelt, die Interaktion mit ihr spannend und aufregend, faszinierend, herausfordernd und durchaus anstrengend. Jedes Spiel ist ein kleiner Lernschritt für jedes einzelne Kind. Egal wie alt es gerade ist.

Kinder sind hartnäckig. Da kann es passieren, dass sie hunderte Male das gleiche Spiel, die gleiche spielerische Handlung vollziehen und dieselbe Geschichte hören wollen und immer noch mit vollem Eifer und Spaß bei der Sache sind – genau wie am Beginn. So erfahren Kinder ihre Umwelt und üben Handlungsabläufe so lange ein, bis sie die nötige Geschicklichkeit aufweisen und ein Spiel gut beherrschen. Sie experimentieren mit vielen Gegenständen herum, bis sie spielerisch die Funktion davon erlebt haben. Damit ist das Spiel nicht nur ein Ausprobieren, sondern auch ein Festigen von motorischen und kognitiven Fähigkeiten, die das Kind zum Erwachsenwerden braucht.

Siegen und verlieren

Beim Spiel in Gemeinschaft schulen sie auch ihre sozialen Fertigkeiten.

Jedes Spiel wird von Gefühlen begleitet. Kinder erleben dabei Freude, Ärger, Wut, manchmal auch Trauer. Sie haben Spaß, vielleicht auch einmal Angst vor einer Herausforderung, sie empfinden Stolz, wenn sie Neues schaffen und Resultate erzielen. Im Spiel miteinander lernen sie zurückzustecken, auch mal zu verlieren und trotz Niederlage nicht gleich alles hinzuschmeißen. So ist das Spiel eine sehr gute Möglichkeit, durchhalten zu lernen und nicht gleich aufzugeben. Und sich auch mal mit dem Sieger gemeinsam zu freuen. Nicht zuletzt weckt das Spiel in so manchem Kind auch den Ehrgeiz, besser als die anderen zu sein. Auf alle Fälle erleben sich Mädchen und Buben beim Spielen als selbstwirksam.

In Rollen schlüpfen

Im Spiel können Kinder in verschiedene Rollen schlüpfen und so Situationen nachspielen, Erlebnisse verarbeiten, Verhaltensweisen und soziale Interaktionen ausprobieren, Lösungen finden. Wie viel Spaß macht es, mal die Mama oder der Papa sein und Anweisungen geben zu können. Oder der Räuber, der Polizist, ein Jedi, die Prinzessin oder der böse Drache zu sein.

Neugier ist der Motor dafür, Neues auszuprobieren, kreative Lösungen zu finden, neue Erfahrungen zu machen und zu lernen. So können die unterschiedlichsten Spiele mit den verschiedensten Gegenständen erdacht werden. Der Phantasie sind beim Spielen wenige Grenzen gesetzt.

Sammeln und basteln

Nicht immer brauchen Kinder Spielzeug, um zu spielen. Im Haus und in der freien Natur gibt es genug Dinge, mit denen sich Kinder die Zeit vertreiben und dabei noch Erfahrungen machen können. Gerade jetzt im Herbst gibt es wieder viel zu erkunden, einzusammeln und damit zu spielen. Kinder sammeln gerne Kastanien, die sie in den Jackentaschen und Säcken nach Hause schleppen oder schleppen lassen, um damit dann zu basteln und zu spielen. Fast alle laufen gerne durch die Blätterhaufen, die so schön rascheln, oder lassen das Laub fliegen.

Der oft straffe Zeitplan der Familie kann mitunter die Möglichkeiten, sich auszutoben, im Freien herumzutollen und die Spontaneität ein Spiel zu spielen einschränken. In manchen Kinderzimmern türmen sich die verschiedensten Spielzeuge, und dennoch ist den Sprösslingen langweilig. Sie haben oftmals keine eigenen Spielideen mehr.

"Komm, bitte, spiel mit mir!"

"Lies mir, bitte, eine Geschichte vor!"

"Erzähl mir was!"

Um gemeinsam Spaß zu haben, braucht es manchmal nicht viel. In jedem Fall braucht es Erwachsene, die sich bereitwillig auf die Kinder und ihre Spielideen einlassen.

Ihre Erfahrungen?

Welche Spiele spielen Sie und Ihre Kinder gerne miteinander? Können Sie sich daran erinnern, was Sie in Ihrer Kindheit gespielt haben? Gibt es einen Unterschied zwischen dem, was Sie als Kind gespielt haben, und dem, was Ihre Kinder heute spielen? Posten Sie Ihre Erfahrungen und Ideen im Forum! (Andrea Leidlmayr, Christine Strableg, 6.10.2017)

Andrea Leidlmayr und Christine Strableg bloggen auf derStandard.at/Familie und geben Eltern Tipps für den täglichen Erziehungsalltag.