Foto: AP / Evan Agostini

Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro: Drachen und die Gespenster der Vergangenheit

5. Oktober 2017, 17:28

Der in Japan geborene englische Schriftsteller wurde überraschend mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Das Werk des 62-Jährigen variiert kunstvoll das Thema menschlicher Erinnerung

Wien – Nachdem sich das Nobelpreiskomitee in den vergangenen Jahren, jedenfalls was die Literatur betrifft, mit eher unberechenbaren Entscheidungen hervorgetan hat, ist die mit Schriftstellern, Historikern, Literatur- und Sprachwissenschaftern bestückte Jury auch dieses Jahr ihrer Unberechenbarkeit treu geblieben.

Statt an den in den literarischen Wettbörsen topgesetzten Japaner Haruki Murakami geht die mit neun Millionen Schwedischen Kronen (circa 940.000 Euro) dotierte Auszeichnung dieses Jahr an den japanischstämmigen Briten Kazuo Ishiguro. Ausgezeichnet wird der 62-Jährige, so die Jurybegründung der Schwedischen Akademie, für seine "Romane von starker emotionaler Kraft", die – was immer das heißen mag – "den Abgrund unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt" bloßlegen würden.

Der 1954 geborene Ishiguro, der Japan mit seinen Eltern 1960 Richtung England verlassen und dessen Staatsbürgerschaft er angenommen hatte, strebte zunächst eine Karriere als Popmusiker an, studierte dann aber doch Philosophie und Anglistik, bevor er über Jobs als Jagdtreiber für Königinmutter und Sozialarbeiter im Obdachlosenasyl jenen Beruf wählte, in dem man ein Leben lang Anfänger bleibt: den des Schriftstellers.

Der aufgezeichnete Livestream der Verkündung.
nobel prize

Gleich sein erster Roman machte Ishiguro, dessen relativ schmales, in 40 Sprachen übersetztes Werk, das aus sieben Romanen, einigen Erzählungen und Drehbüchern besteht, auf einen Schlag berühmt. "A Pale View of Hills" (1982, "Damals in Nagasaki") erzählt die Geschichte einer nach England emigrierten Japanerin, die nach dem Tod ihres zweiten Mannes und dem Selbstmord der Tochter aus erster Ehe an ihre Schwangerschaft am Rande der verwüsteten Stadt Nagasaki zurückdenkt.

Das Thema der Unsicherheit und Brüchigkeit von Erinnerung, auch der Gefahren, die sie bergen kann, zieht sich durch viele Romane des neuen Nobelpreisträgers. Auch durch seinen zweiten Roman "Der Maler der fließenden Welt" (1986), in dem sich ein alternder Maler den Gespenstern seiner Vergangenheit als Anhänger des japanischen Expansionismus und Nationalismus stellen muss.

Unzuverlässiger Erzähler

Ein unzuverlässiger Icherzähler und die Auseinandersetzung mit persönlicher und politischer Schuld, gezeigt an einem Butler, der sich 1956 wie sein Herr fragen muss, ob er nicht vielleicht den falschen Zielen gedient hat, stehen im Zentrum von Ishiguros drittem Roman "Was vom Tage übrigblieb" (1989), der den Autor – auch durch die Verfilmung durch James Ivory (mit Anthony Hopkins und Emma Thompson) – weltberühmt machte.

Es waren an ihrer Oberfläche ruhige, zurückgenommene Romane, die vom Angedeuteten lebten, die der Autor bis zu dieser Zeit schrieb. Das Nichtausgesprochene ist dabei ebenso wichtig wie das Verschwiegene.

Nach dieser eher realistischen Phase seines Schreibens wurden Ishiguros Romane experimenteller und wilder. So taumelt in "Die Ungetrösteten" (1995) ein berühmter englischer Pianist von einer albtraumhaften Situation in die nächste. Die Realität ist hier aus den Fugen geraten, die Gesetze von Raum und Zeit aufgelöst.

Bestseller

Der nächste Roman des Autors, "Als wir Waisen waren" (2000), ist dann nur auf den ersten Blick ein Kriminalroman, im Kern handelt das Buch vom vergeblichen Versuch der Rekonstruktion einer zerstörten Kindheit. Für mehr Aufsehen sorgte Ishiguro mit seinen beiden letzten Romanen "Alles, was wir geben mussten" (2005) und "Der begrabene Riese" (2015).

Ersterer, der das Aufwachsen von drei Kindern in einem Internat, das sich im Verlauf des Romans – erzählerisch subtil gelöst – als Aufzuchtsanstalt für Klone entpuppt, die als Organersatzteillager ein qualvoller Tod erwartet, wurde zum weltweiten Bestseller und mit Keira Knightley verfilmt. Zehn Jahre sollte es dann dauern, bis Ishiguro sein nächstes Buch "Der begrabene Riese" vorlegen sollte, das ins nebelige England des sechsten Jahrhunderts blendet und an den Grenzen zwischen historischem und fantastischem Fantasy-Erzählen angesiedelt ist.

Es geht darin um Drachen, Ritter und das Paar Axl und Beatrice, das in eine unwirtliche Landschaft aufbricht, um seinen verschollenen Sohn zu finden. Im Verlauf des Buches wird sich herausstellen, dass Schreckliches geschehen ist. In einem Interview sagt Ishiguro, dass er zunächst einen Roman über Ruanda schreiben wollte, der wie der "begrabene Riese" die Frage aufgeworfen hätte, wann es für eine Gemeinschaft besser ist, sich nicht zu erinnern, um weitere Konflikte und neue Gewalt zu verhindern. Ähnliches, so der Nobelpreisträger, gelte übrigens auch für das Individuum. Er versuche, sagte Ishiguro vor zwei Jahren in einem Interview mit der "Welt", Geschichten zu erfinden, die einen universellen Anspruch haben und sich auf unterschiedliche Länder und historische Situationen beziehen lassen. Auch für die Umsetzung dieses Anspruchs wird Ishiguro, der seine Auszeichnung zunächst für einen Scherz hielt, nun geehrt. (Stefan Gmünder, 5.10.2017)