Kataloniens Unabhängigkeit könnte Wirtschaft bedrohen

5. Oktober 2017, 12:26

Die politische Instabilität lässt Unternehmer über einen Abzug aus Katalonien nachdenken. Banken befürchten eine Kapitalflucht, S&P droht mit Downgrade

Wien – Der katalanische Wunsch nach Unabhängigkeit von Spanien könnte für die Region mit großen wirtschaftlichen Nachteilen verbunden sein. Erste Schritte sind schon passiert. So hat die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) Katalonien auf "credit watch negative" gesetzt und damit mit einer Abstufung der Kreditbewertung gedroht. Zuletzt wurde die autonome Region mit einer Bonität von "B+" bewertet. Investitionen werden damit bereits als spekulativ betrachtet.

S&P sieht laut einer Studie die Gefahr einer weiteren Eskalation zwischen der Regierung in Madrid und der Regionalregierung in Barcelona. Laut den Experten der Ratingagentur kann Katalonien damit in Schwierigkeiten kommen, sich kurzfristig selbst zu finanzieren. Eine Entscheidung über die Kreditbewertung soll in den nächsten drei Monaten fallen.

Unternehmen drohen mit Abwanderung

Katalonien ist die wirtschaftsstärkste Region Spaniens und auch die wichtigste Industrieregion. So sitzt der Textilriese Mango vor Ort, und auch Seat hat ein großes Autowerk in Katalonien. Attraktiv war Katalonien auch immer für den Pharma- und Biotech-Sektor. Doch viele Manager fürchten sich derzeit vor den Folgen der Unabhängigkeitsbestrebungen, berichtete das Ö1-"Morgenjournal" am Donnerstag.

Politisches Chaos, rechtliche Unsicherheiten, Massendemonstrationen und Streiks sind jene Dinge, die Manager zu Überlegungen bringen, ihren Firmensitz von Barcelona nach Madrid zu verlegen. Der Chef der im Jahr 2000 in Barcelona gegründeten Biotech-Firma Oryzon hat bereits zwei Tage nach dem Referendum angekündigt, den Firmensitz nach Madrid zu verlagern.

Banken befürchten Kapitalflucht

Laut Ö1 sollen viele Unternehmen einen Plan B in der Schublade haben für den Fall, dass sich die Situation politisch weiter zuspitzt. Auch die katalanischen Banken befürchten einen Abfluss von Geldern. Dass die Lage ernst ist, zeigt die Sparkasse Caixa. Sie hat bereits versichert, dass alle Einlagen gesichert sind.

Bei dem Referendum am Sonntag hatte eine große Mehrheit der Teilnehmer für die Unabhängigkeit Kataloniens gestimmt. Die Abstimmung war trotz eines Verbots durch das Verfassungsgericht und gegen den Willen der Zentralregierung abgehalten worden. Allerdings war die Beteiligung mit 42 Prozent niedrig, und Gegner einer Abspaltung dürften der Abstimmung überwiegend ferngeblieben sein.

Spanien muss wegen der politischen Turbulenzen bereits höhere Zinsen auf neue Kredite zahlen. Für zehnjährige Staatsanleihen waren zuletzt knapp 1,8 Prozent fällig, vor einem Monat lag die Verzinsung noch etwas unter 1,5 Prozent. Renditen von Staatsanleihen entwickeln sich gegengleich zu den Anleihenkursen. Sinkt die Nachfrage nach der Schuldverschreibung, steigen die Zinsen. Die Renditen sind längerfristig betrachtet zwar immer noch niedrig, doch angesichts der hohen Verschuldung des Landes wäre ein weiterer Anstieg heikel. (bpf, 5.10.2017)