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Las Vegas: Terror oder Amok?

Userkommentar |
5. Oktober 2017, 19:29

Warum der Täter, der von einem Hotelzimmer aus in eine Menschenmenge geschossen hatte, kein "Lone Wolf" ist

War die brutale Gewalttat in Las Vegas, bei der mindestens 59 Menschen getötet und etwa 500 verletzt wurden und die mit Sicherheit als ein heimtückischer Massenmord zu qualifizieren ist, ein Terroranschlag oder ein Amoklauf? Nach derzeitigem Ermittlungsstand spricht vieles für einen ruchlosen Amok im Ego-Shooter-Stil, obwohl der sogenannte Islamische Staat schneller als gewöhnlich die Massentötung reflexartig für sich reklamiert hat. Nach ersten Angaben des FBI bestehen jedoch keine zwingenden Hinweise auf Verbindungen zu jihadistischen Terrorgruppen. Auch das Täterprofil – Stephen Paddock, ein 64-jähriger pensionierter Buchhalter aus Mesquite, der bislang nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten war – passt auf den ersten Blick so gar nicht in gängige Kategorisierungen islamistischer Attentäter. Mit seinen 64 Jahren wohl zu alt für einen islamistischen Terroristen, spricht auch die Selbsttötung gegen die sonst einschlägig üblichen Vorgehensweisen.

Ungenaue Klassifizierung

Die US-Ermittler gehen davon aus, dass es sich bei Paddock um einen Einzeltäter, einen sogenannten "einsamen Wolf", handelte. Diese Klassifizierung ist jedoch irreführend, weil ungenau. Derartige begriffliche Unschärfen führen dazu, dass Phänomene nicht mehr trennscharf unterschieden werden, was gerade bei der schwierigen Differenzierung zwischen Terror und Amok eine Rolle spielt. Im Fachjargon spricht man bei Einzeltätern korrekt von "Single Actors", denn der Begriff des "einsamen Wolfs" ist gegenwärtig fast zu einem häufig benutzten Allerweltsbegriff mutiert. "Single Actors" sind prototypisch Einzeltäter, die autark, von einem Netzwerk entkoppelt, operieren und individuelle Vorgehensweisen präferieren.

Vier Typen

Prinzipiell werden vier Typen des "Lone-Wolf-Attentäters" unterschieden: Die klassische Ausprägung ist jene des "Loner", eines in der Abgeschiedenheit lebenden Einzelgängers, der seinem aufgestauten Hass gegen die Gesellschaft im Zuge eines Amoklaufs freien Lauf lässt. Beispiele für diesen entkoppelten Einzeltäter sind Franz Fuchs, Anders Breivik und der Una-Bomber Ted Kaczynski, die zumeist einer gebildeten Mittelschicht entstammen und eher rechtsextreme Weltanschauungen propagieren.

Die zweite Kategorie umfasst den (echten) "Lone Wolf", einen einsamen Wolf, der in Kontakt mit einer Terrororganisation steht, aber in der Durchführung im Sinne einer Auftragstaktik unabhängig agiert. Als Beispiel kann der Attentäter von Ansbach, Mohamed Daleel, gelten, der sich vor seiner Schreckenstat wohl hat anleiten lassen, aber ein eigenes Szenario gewählt hat. Zumeist handelt es sich um Jihadisten mit einem kleinkriminellen Hintergrund.

Dem gegenüber ist das "Lone Wolf Pack", quasi ein Rudel einsamer Wölfe, das ebenfalls in Kontakt mit einer Terrororganisation steht und autonom vorgeht. Exemplarisch hierfür sind etwa die Brüder Tsarnaev, die den Terroranschlag vom Boston-Marathon verantworten. Bleibt noch der "Lone Attacker", ein einzelner Angreifer, der direkte Anweisungen einer Terrororganisation in die Tat umsetzt. "Lone Attackers" sind der Amoklenker von Nizza, Mohamed Bouhlel, sowie der Würzburger Axtattentäter, der Flüchtling Riaz Khan.

Differenzierte Analyse notwendig

Zieht man diese im Detail komplexe Unterscheidung in Betracht, dann handelt es sich bei Paddock um einen sogenannten Loner, was auch die These eines Amoklaufs erhärtet. Würde man ihn als "Lone Wolf" bezeichnen, bedeutete dies folgerichtig, dass es sich um einen Terroranschlag handelt. Eine differenzierte, begrifflich trennscharfe Analyse ist also keine Haarspalterei. Sie hilft dabei, die Dinge richtig einzuordnen, und kann, auch wenn dies die Opfer nicht wieder lebendig macht, indirekt einen Beitrag zur Prävention leisten. (Nicolas Stockhammer, 5.10.2017)

Nicolas Stockhammer forscht im Bereich Sicherheitspolitik mit Schwerpunkt Terrorismusbekämpfung (einschlägige Forschungsaufenthalte in Berlin und an der Stanford University). Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsgruppe Polemologie und Rechtsethik (Universität Wien und Landesverteidigungsakademie).

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