Ausnahmezustand als Dauerzustand in der Ostukraine

6. Oktober 2017, 12:00

Militär und Polizei prägen das Straßenbild in der Großstadt Mariupol, direkt an der Grenze zu den besetzten Gebieten im Donbass.

Olga Rybak schaut noch einmal auf ihr Gepäck. Zwei große Taschen hat sie zusammengepackt. Die 52-Jährige steht am Bahnhof in Kiew und wartet auf den Schnellzug Richtung Saporischschja. Von dort wird sie mit dem Sammeltaxi in die Hafenstadt Mariupol fahren. "Eine kleine Weltreise", sagt die Verkäuferin.

Bis März 2015 hat sie zusammen mit ihren Eltern und ihrer Familie in Mariupol gelebt. Die angespannte Sicherheitslage und die schlechte wirtschaftliche Situation haben sie jedoch nach Kiew verschlagen. "Der Krieg hat unsere gesamte Familie auseinandergerissen", sagt Olga. Ihre Eltern leben noch in Mariupol. Die Eltern ihres Mannes sind im besetzten Teil von Luhansk geblieben, sie selbst hat der Konflikt mit Mann und Sohn nach Kiew gebracht.

"Es ist traurig, aber zu der Familie meines Mannes besteht kein Kontakt mehr, wir haben uns über politische Fragen total zerstritten", berichtet sie. Seit mehr als zwei Jahren herrscht Funkstille. Olgas Mann Igor hat zwar noch einmal seine Familie in Altschewsk besucht, "doch das endete fast mit der Verhaftung meines Mannes wegen komplett verschiedener Ansichten über die Zukunft der Ukraine", erinnert sich die 52-Jährige.

Je weiter der Zug Richtung Ostukraine fährt, desto mehr Polizei und Soldaten bewachen die Bahnsteige. Vor allem in der Großstadt Dnipro fällt die Präsenz der Sicherheitskräfte auf. Nur wenige Fahrgäste haben sich an diesem Tag nach Saporischschja aufgemacht. In der Industriestadt, die neben einem Atomkraftwerk auch das größte Trinkwasserreservoir der Ostukraine beherbergt, steigen die Passagiere in das Sammeltaxi Richtung Mariupol. Auf der dreistündigen Fahrt ans Asowsche Meer wird der Kleinbus mehrere Male gestoppt. Polizeiposten kontrollieren die Ausweise und auch Teile des Gepäcks.

Mehr Routine

Schon Kilometer vor der Stadtgrenze gleicht Mariupol einer Festung. An fix installierten Kontrollposten versehen Soldaten der ukrainischen Armee ihren Dienst. Keine Frage, die Armee des Jahres 2017 ist eine komplett andere als die vom Frühjahr 2014. Damals hatten sogenannte Separatisten fast ein Dutzend ukrainische Städte im Osten handstreichartig besetzt. Die heutigen Soldaten fallen schon durch ihre neuen, der US-Armee ähnlichen Uniformen auf. Wortkarg, aber bestimmt verlangt der Soldat die Ausweise. Fragen werden nicht beantwortet. Die Szene wirkt routiniert und professionell, es ist aber auch Anspannung zu spüren.

Olgas Eltern leben in einer Hochhaussiedlung im Osten Mariupols, eine Fernstraße verläuft dort an der Stadtgrenze. Die Weiterfahrt ist verboten, dahinter beginnen die besetzte Zone und die Kampfgebiete um Schirokyne und Nowoazowsk. Dort haben die Separatisten seit dem Frühjahr 2014 das Heft in der Hand. Die OSZE kontrolliert die Gebiete regelmäßig, aber außer dem Dokumentieren von Kampfhandlungen hat sich seit mehr als drei Jahren nichts verändert. Olgas Mutter Irina berichtet, sie höre regelmäßig das Donnern der Kämpfe. Nicht jeden Tag zwar, aber seit 2014 gehört dieses Geräusch zu ihrem Leben.

Hoffen auf Normalität

Die Hochhaussiedlung ist ein beliebtes Wohngebiet, doch viele Menschen haben die Stadt dauerhaft verlassen. Zählte die Hafenstadt vor dem Krieg rund 800.000 Einwohner, sind es nach heutigen Schätzungen nur noch etwa 470.000. Diejenigen, die geblieben sind, haben heute vor allem beim Hafen und im Stahlwerk Mariupol Ilyich Iron and Steel Works (MMK Donezk) Arbeit.

Zum Alltag der Einwohner gehören mittlerweile auch sogenannte Antiterrorübungen. Militär, Geheimdienst und Polizei haben diesmal den Busbahnhof abgesperrt. Jeder, der vorbeikommt, wird kontrolliert. Auch Feuerwehr und Rettungswagen nehmen an der Übung teil. Olga und ihre Mutter Irina haben kein Problem mit den Kontrollen. "Das muss sein, damit wir in Sicherheit leben können", sagt Irina.

Im Grunde gebe es keine Normalität mehr in Mariupol, berichtet die Rentnerin. Doch die Hoffnung, dass sich die Zeiten wieder bessern, ist allgegenwärtig. Beide Frauen mögen es nicht hören, wenn man die Teilung der Ukraine mit der deutsch-deutschen Teilung von 1945 bis 1989 vergleicht. "Nein, so lange wird es bei uns nicht dauern", sagt Olga. "Wir werden schon früher wieder zusammenleben können." (Nina Jeglinski aus Mariupol, 6.10.2017)