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Grippe: Impfen oder nicht impfen?

7. Oktober 2017, 07:00

Nutzen und Risiken der Grippeimpfung werden jedes Jahr heftig diskutiert. Für bestimmte Patientengruppen sind keine aussagekräftigen Studiendaten vorhanden

Jedes Jahr im Herbst überlegen viele, ob sie sich gegen Grippe impfen lassen sollen. Das Österreichische Gesundheitsministerium empfiehlt in seinem Impfplan "besonders die Impfung für Säuglinge und Kleinkinder ab dem vollendeten sechsten Lebensmonat." Auch in den USA raten die Gesundheitsbehörden jedem Menschen ab einem Alter von sechs Monaten zur Impfung. Dort will man einen Herdenschutz erreichen: Je mehr Leute geimpft sind, desto weniger Chancen haben die Viren, sich zu verbreiten. Damit schützt man nicht nur sich selbst, sondern auch seine Mitmenschen, die eine weniger gute Immunabwehr haben. In Österreich oder der Schweiz ist hingegen Impf-Skepsis weit verbreitet.

Die unabhängige Arzneimittelplattform "Gute Pillen – schlechte Pillen" (GPSP) hat daher Nutzen und Risiken der Grippeimpfung für verschiedene Gruppen näher untersucht.

Weil sich der Grippevirus jedes Jahr verändert und so das Immunsystem "austrickst", ist jedes Jahr auch ein neu entwickelter Grippeimpfstoff nötig. Es wird daher empfohlen, sich alljährlich mit dem aktuell angepassten Impfstoff zu schützen, am besten im Oktober oder November. Doch hundertprozentig ist der Schutz nicht. Und bei einigen Patientengruppen fehlen bisher ausreichend aussagekräftige Studiendaten zu verhinderten Komplikationen. Deshalb ist es wichtig, sich über Nutzen und Risiken zu informieren.

Zu den Risikogruppen zählen Menschen ab 60 Jahren, Patienten mit chronischen Erkrankungen, Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, Schwangere, Menschen mit besonderer beruflicher Gefährdung wie Pflegepersonal oder Betreuer von Menschen mit erhöhtem Risiko.

Impfung halbiert Risiko

Einen echten Nutzen gibt es wahrscheinlich für Herz-Kreislauf-Erkrankte. Das ergeben relativ gut gemachte Studien mit Patienten, die bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall überlebt haben oder die an Herzschwäche leiden, so GPSP. Waren die Patienten geimpft, starben innerhalb von sechs bis zwölf Monaten zwei von 100 durch eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Bei nicht geimpften Patienten waren es fünf von 100.

Zwei kleine, aber gut kontrollierte Studien zeigen, dass bei älteren Menschen ein Teil der Grippe-Erkrankungen durch die Impfung verhindert werden konnte. Da es sich um eine Momentaufnahme aus zwei Jahren handelt, gibt es kein allgemeingültiges, sicheres Fazit zum Ausmaß des Schutzes – auch vor Krankenhausaufenthalten und Komplikationen.

Eine Grippeimpfung in der Schwangerschaft soll die werdende Mutter schützen und das Baby nach der Geburt. Impfen kann das Erkrankungsrisiko für beide ungefähr halbieren. Verlässliche Zahlen, ob Komplikationen wie Lungenentzündung dadurch verhindert werden können, fehlen aber!

Für Menschen mit Diabetes findet sich keine einzige gut gemachte Studie. Deshalb ist auch nicht klar, wie groß der Nutzen für "Zuckerkranke" tatsächlich ist. Ob die Impfung gerade bei älteren Diabetespatienten Todesfälle und Krankenhausaufenthalte verringert, ist fraglich, da solide Studiendaten fehlen.

Harmlose Nebenwirkungen

Für junge Patienten mit Asthma gibt es nur eine einzige Studie. Der zufolge verschlechterte sich bei geimpften Kindern das Asthma genauso oft wie bei Kindern, die nicht geimpft waren. Für Erwachsene mit Asthma fehlen entsprechende Untersuchungen.

Für Erwachsene mit einer COPD (chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung) gibt es nur wenige zuverlässige Studiendaten. Vermutlich leiden sie etwas weniger unter akuten Verschlechterungen ihrer Erkrankung, wenn sie geimpft sind. Dass die Grippeimpfung Krankenhausaufenthalte, eine Verschlechterung der Lungenfunktion oder Todesfälle schmälert, ist nicht nachgewiesen.

Eine gute Nachricht zum Schluss: Die unerwünschten Wirkungen der Grippeimpfung sind nicht schwerwiegend. Es kommt öfters an der Impfstelle zu Rötungen, Schwellungen oder leichten Schmerzen, die nach ein bis zwei Tagen wieder abklingen. Nach Impfungen in der Schwangerschaft wird bisherigen Untersuchungen zufolge die Gesundheit des ungeborenen Kindes nicht beeinträchtigt. (red, 7.10.2017)