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Kinder, die auf Smartphones starren

Interview |
7. Oktober 2017, 10:00

Kurzsichtigkeit hat in den letzten Jahren stark zugenommen – insbesondere bei Kindern. Warum junge Menschen weniger Stunden mit Smartphones verbringen sollten, erklärt Augenarzt Michael Brandecker

STANDARD: Seit einigen Jahren ist ein deutlicher Anstieg der Kurzsichtigkeit weltweit zu verzeichnen. Wie groß ist das Problem?

Brandecker: Kurzsichtigkeit hat es schon immer gegeben, aber aktuell nimmt sie tatsächlich sehr rasant zu. In Europa sind bereits 45 Prozent der 25- bis 30-Jährigen von Kurzsichtigkeit betroffen. Man geht davon aus, dass 2050 die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein wird. Im Jahr 2000 waren es noch 22 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Weltgesundheitsorganisation listet Kurzsichtigkeit deshalb unter den fünf Augenerkrankungen, deren Eindämmung höchste Priorität hat.

STANDARD: Insbesondere Kinder sind betroffen. Warum?

Brandecker: Myopie entwickelt sich im Kindes- und Jugendalter, weil sich das Auge in der Wachstumsphase befindet. Kurzsichtigkeit ist meist Folge eines zu starken Längenwachstums des Augapfels. Sie entsteht, wenn das Auge mehr wächst, als es für die Brechkraft sinnvoll ist. Der Brennpunkt des Auges liegt dann nicht auf, sondern vor der Netzhaut. Entfernte Objekte werden unscharf wahrgenommen. Im Erwachsenenalter ist das Wachstum abgeschlossen.

STANDARD: Weshalb wächst das Auge bei so vielen jungen Menschen zu stark in die Länge?

Brandecker: Ein Grund für Kurzsichtigkeit ist genetisch bedingt. Den aktuellen Anstieg erklärt man aber durch Umweltfaktoren. Wer viel im Nahbereich arbeitet, auf Bildschirme oder Smartphones schaut, oder auch viel liest, hat ein erhöhtes Risiko, kurzsichtig zu werden. Durch das häufige Betrachten naher Objekte wächst der Augapfel. Licht ist ebenso ein bedeutender Faktor für das vermehrte Wachstum des Auges. Hat das Auge kein Licht, wächst es ungebremst weiter. Deshalb ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche hinausgehen und entspannt in die Ferne schauen.

STANDARD: Wie wirkt sich Kurzsichtigkeit denn auf lange Sicht aus?

Brandecker: Kurzsichtige haben Schwierigkeiten, Dinge in der Ferne scharf zu sehen. Im Nahbereich hingegen werden Sachen problemlos erkannt. Eine Kurzsichtigkeit über sechs Dioptrien bringt etwa ein bis zu 50 Prozent höheres Risiko für Netzhauterkrankungen mit sich. Netzhautlöcher, Netzhautablösungen, Makuladegeneration, grüner Star, grauer Star, Glaskörpertrübungen bis hin zu Erblindung sind Risiken von hoher Kurzsichtigkeit.

STANDARD: Wie stark ist die erbliche Komponente?

Brandecker: Noch vor wenigen Jahren hieß es in Fachkreisen, das Auge wachse nach einem genetischen Bauplan und Kurzsichtigkeit sei determiniert. Aktuelle Studien zeigen aber, dass Kinder, deren Eltern von Kurzsichtigkeit betroffen sind, zwar ein erhöhtes Risiko aufweisen, kurzsichtig zu werden, dieses aber durch viel Zeit im Freien enorm reduzieren können.

STANDARD: Kurzsichtigkeit wächst sich bei Kindern also nicht aus?

Brandecker: Nein. Derzeit ist es noch nicht möglich, das Auge wieder kleiner zu machen. Eine Kurzsichtigkeit bildet sich nicht zurück, aber ihr Fortschreiten kann gehemmt werden. Junge Menschen können Ausgleich schaffen, indem sie rausgehen statt stundenlang aufs Smartphone zu starren. Und natürlich spielt Früherkennung eine wichtige Rolle.

STANDARD: Welche Behandlungsstrategien gibt es?

Brandecker: Aufenthalt im Freien wirkt gegen Kurzsichtigkeit. Für das scharfe Bild ist die Brille, die Kontaktlinse, der Laser, die Linsenoperation das Mittel der Wahl. Operationen können allerdings erst im Erwachsenenalter durchgeführt werden. Bisweilen kann man auch mit multifokalen Brillen und Kontaktlinsen beziehungsweise mit Spezialkontaktlinsen und Spezialbrillen, Wachstum hemmen. Und: Man weiß schon seit hundert Jahren, dass Atropin, also das Alkaloid der Tollkirsche, das Wachstum des Auges hemmt und die Progression der Kurzsichtigkeit vermindert. In Asien, wo Myopie seit Jahrzehnten ein großes Problem ist, wird es hochverdünnt Kindern in die Augen getropft, um das Fortschreiten von Kurzsichtigkeit zu bremsen. In Europa ist die Anwendung aber noch nicht sehr verbreitet.

STANDARD: Können Kinder Kontaktlinsen tragen? Ab wann?

Brandecker: Theoretisch ja. In der Praxis ist das aber von der Entwicklung des Kindes abhängig. Wenn Kontaktlinsen optimal gepflegt und jeden Tag gereinigt werden, dann ist das Tragen von Kontaktlinsen bei Kindern okay. Bei mangelnder Hygiene ist die Gefahr von Entzündungen zu groß.

STANDARD: Wie erkennt man Kurzsichtigkeit bei Kindern?

Brandecker: Kinder kompensieren viel. Bei Kleinkindern liegt das Hauptaugenmerk ohnehin im Nahbereich, deshalb fällt es anfangs weniger auf. Wenn Kinder vermehrt die Augen zusammenkneifen, um besser in der Ferne sehen zu können, oder alles aus der Nähe betrachten, ist das ein Hinweis, zur Augenkontrolle zu gehen. Gelegentlich werden Kinder erst zum Augenarzt geschickt, wenn sie Probleme in der Schule bekommen.

STANDARD: Der österreichische Mutter-Kind-Pass sieht vor, dass bereits Kleinkinder von einem Augenarzt untersucht werden sollen. Eine sinnvolle Maßnahme?

Brandecker: Das ist eine tolle Errungenschaft. Bereits nach dem ersten Lebensjahr ist eine Augenuntersuchung enthalten, die vom Augenarzt oder Kinderarzt durchgeführt werden kann. Nach dem zweiten Lebensjahr sieht der Mutter-Kind-Pass eine Untersuchung beim Augenfacharzt vor. Seither werden in Österreich Augenerkrankungen bei Kindern früher behandelt, und die Spätfolgen sind deutlich zurückgegangen. (Christine Tragler, 7.10.2017)

Michael Brandecker (41) ist Facharzt für Augenheilkunde und interimistischer Leiter des Instituts für Orthoptik – Sehschule am Krankenhaus Barmherzige Brüder Linz.

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