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Abschottung und Stammesbildung

Kommentar der anderen |
6. Oktober 2017, 16:10

Der Liberalismus des Westens war immer eigennützig. Jetzt, wo er in die Krise geraten ist, verfällt man auf das Modell der kulturellen Abgrenzung. Damit wird auch die Idee des Nationalstaats infrage gestellt

In der Friedenskonferenz von Paris/Versailles 1919, welche aus europäischer Sicht durch die ungerechte Behandlung des Deutschen Reiches den Keim für den Zweiten Weltkrieg legte, kam es zu einem "moralischen Bruch" zwischen dem Westen und den Völkern Asiens, der bis heute in Großen und Ganzen anhält. Dabei schien damals ein einzigartiger Zeitpunkt in der Geschichte gekommen, den Verlauf der Ereignisse in eine völlig andere Richtung zu lenken und das durch den Imperialismus gequälte Asien mit dem Westen zu versöhnen. Die Basis hierfür lieferte das 14-Punkte-Programm des amerikanischen Präsidenten Wilson, in dessen Kern das Selbstbestimmungsrecht der Völker lag.

Diese Punkte schürten bei den Politikern und Intellektuellen Japans, Indiens, Chinas, Koreas, Ägyptens und des Osmanischen Reiches die Hoffnung, endlich Freiheit, Gleichberechtigung und auch Anerkennung zu finden. So unterschiedliche Persönlichkeiten wie Ho Chi Minh aus Vietnam, den ägyptischen Nationalisten Saad Zaghlul und den chinesischen Denker Liang Qichao zog es als Vertreter ihrer Länder an den Verhandlungstisch mit dem Westen. Allerdings kam es schnell zu einer völligen Entzauberung des propagierten Selbstbestimmungsrechts: Den asiatischen Vertretern wurde schnell klar, dass es vor allem auf die europäischen Völker des Osmanischen und des Habsburger-Reiches gemünzt war und nicht auf sie.

Zudem wurde die latent rassistische Geisteshaltung der westlichen Vertreter offenkundig. Wilson, ein Südstaatler, teilte den reflexiven Rassismus seiner Generation und Schicht (inklusive Witzen über "Darkies"). Als die Japaner die Gleichheit der "Rassen" auf die Tagesordnung brachten und die Abstimmung hierzu eine Mehrheit erhielt, wurde dieses Ergebnis von Wilson kurzerhand annulliert. Der Engländer Lord Balfour befand trocken, dass man einen Europäer wohl nicht mit einem Zentralafrikaner auf eine Ebene stellen könne.

Das Ergebnis dieser Konferenz war ein absolutes Desaster, und die Möglichkeit, eine gemeinsame Basis – ökonomisch und ethisch – mit den aufstrebenden Nationen wie Indien, China und Türkei zu erzielen, wurde bis auf weiteres vertan. Der islamische Reformpolitiker und spirituelle Wegbereiter der Muslimbrüder in Ägypten, Raschid Rida, schrieb später verbittert: "Euer Liberalismus ist nur für euch selbst. Euer Mitgefühl für uns ist das eines Wolfes für das Lamm."

An diesem Konflikt und dieser ethischen Grenze zwischen dem überlegenen Westen und den unterlegenen, nichtdemokratischen Entwicklungsländern hat sich bislang nichts Grundsätzliches geändert, trotz der juristischen Gleichstellung in der Uno und Menschenrechtscharta. Realpolitisch gilt, dass das Individuum in nichtdemokratischen Ländern eben nicht so viel wert ist – weil nicht selbstbestimmt und kreativ – wie jenes im Westen. Initiativen wie etwa die Brandt-Kommission, die in den 1970er-Jahren versuchten, die ökonomischen und damit auch politischen Gegensätze anzugehen, scheiterten. Und schon in den 1990er-Jahren wagte der Historiker Immanuel Wallerstein den Ausblick auf eine Welt, in der die Massen des kollabierenden Südens in die westliche Welt migrieren würden und der Westen mit seiner Ethik und seinem liberalen Verständnis – welche de facto aber immer nur für den eigenen Wirkungsbereich gelten – in Probleme geraten würde.

Um seine Souveränität oder vielmehr sein Eigeninteresse zu schützen, kommt es im Westen nun zu mannigfaltigen Änderungen: Der Wirkungsbereich der eigenen Ethik wird auch innerhalb dieser Länder weiter zurückgenommen und gilt nur mehr für "echte" Amerikaner oder Österreicher. Nachdem die Integration in eine bestimmte Kultur immer problematisch und wohl auch geheimnisvoll ist – wie kann man sie messen; wie kann man beweisen, dass man sie erfüllt; wie ist die nationale Kultur überhaupt definiert -, verfällt man immer mehr auf Abstammung als Zugehörigkeitsdoktrin, die die Integration unmöglich macht.

Prinzip der Abgrenzung

Dies öffnet auch Tür und Tor für rassistische Diskurse, die notwendig sind, um diese Vorgehensweise zu legitimieren: Die, die nicht dazugehören, sprechen nicht die Sprache, benehmen sich schlecht, sind gewalttätig, sind anders. Diese Doktrin führt zu einer Politik, die nicht mehr zukunftsorientiert ist, sondern auf das Prinzip der Abgrenzung und "Differenzierung" basiert. Diese Handlungsweise unterscheidet sich maßgeblich von der Politik der vergangenen Jahrzehnte, die meist, auch ideologisch untermauert, versuchte, integrative Gesellschaftsmodelle der Moderne umzusetzen – freien Bildungszugang, Gleichberechtigung, Chancengleichheit, gefängnislose Gesellschaft usw. -, und bei allen ideologischen Debatten auch meist darauf achtete, den Zusammenhalt der Gesellschaft bei allen Problemen nicht infrage zu stellen.

Die Idee des Nationalstaates selbst wird nun durch diese ethnonationalistische Politik ad absurdum geführt, denn dieser war ja immer dazu da, unterschiedliche Gruppen zu integrieren, sonst wäre es ja eher eine Entität, die der Großfamilie oder dem Stamm ähnelt, wie schon Aristoteles bemerkte: "Der Staat besteht (...) nicht nur aus vielen Menschen, sondern auch aus solchen, die der Art nach verschieden sind." Das Prinzip der Tribalisierung und Zerteilung der Nationalstaaten und Gesellschaften und auch der internationalen Institutionen erfährt also eine Stärkung. Durch die gleichzeitige Digitalisierung und Automatisierung der Ökonomien erhält dieser Prozess weitere Schubkraft, wenn auch in widersprüchlicher Weise. Während die Sorge der Mittelschichten die Tribalisierung und Abschottung weiter vorantreibt (obschon es gegenüber der Digitalisierung keine Abschottung gibt), führt der kognitive Kapitalismus zu neuen Machtzentren und gar Gemeinschaften.

Verbindende Leidenschaften

Der hierzulande unbekannte österreichische Robotikwissenschafter Hans Moravec ging davon aus, dass der Nationalstaat zerfallen und durch Stämme ("tribes") ersetzt werden wird, die sich aus Menschen mit ähnlichen Interessen und Leidenschaften zusammensetzen. Moravec ließ offen, welche gemeinsamen Interessen dies sein könnten: Vorlieben für Gesellschaftsmodelle, Innovationen, Kultur oder auch nur der Glaube an eine gemeinsame Abstammung?

Dieser Weg ist natürlich nicht unumkehrbar und zwangsläufig: Trump hätte nicht gewinnen müssen und hatte sogar weniger Stimmen als Clinton, aber die Gegenkräfte gegen eine solche Tribalisierung scheinen zurzeit schwach und hilflos und sind interessanterweise eher auf der Ebene der Großunternehmen zu beobachten. Es sind Technologiekonzerne, die global agieren und nun versuchen, unterschiedliche Communitys durch ihre Algorithmen zu integrieren, ohne dabei demokratischen Regeln zu folgen. Und hier werden wohl die Frontlinien der Zukunft verlaufen. (Ayad Al-Ani, 7.10.2017)

Ayad Al-Ani ist Professor für Change-Management und Consulting. Momentan forscht er am Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) auf dem Gebiet der internetbasierten Innovationen.