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DNA-Analysen bestätigen Rettung des "echten" Baumhummers

6. Oktober 2017, 19:30

Das riesige flugunfähige Insekt galt für Jahrzehnte als ausgestorben. Doch dank einiger glücklicher Umstände konnte es wiederauferstehen

Eine der größten und schwersten flugunfähigen Insektenarten: der Baumhummer – und zugleich die wohl seltenste.
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Melbourne/Wien – Bis vor ziemlich genau hundert Jahren gab es auf der australischen Lord-Howe-Insel noch jede Menge Baumhummer (Dryococelus australis). Dass Fischer die flugunfähigen Sechsbeiner als Köder zum Fischen verwendeten, bedrohte die Art nicht weiter. Die Lage der Gespenstschreckenart änderte sich erst dramatisch, als 1918 ein Schiff vor der Küste der Insel sank und Ratten auf die Insel gelangten.

Opfer der Rattenplage

Fünf Vogel- und mindestens 13 Insektenarten fielen der Rattenplage zum Opfer. Auch der Baumhummer, der einer Zigarre auf sechs Beinen ähnelt, galt bald als ausgestorben, ehe Kletterer in den 1960er-Jahren auf dem 23 Kilometer entfernten Eiland Ball's Pyramid Überreste dieser Gespenstschrecken sichteten und fotografierten.

Zwei Zigarren auf insgesamt zwölf Beinen: Baumhummer im Zoo von Melbourne.
foto: rohan cleave/melbourne zoo

Dann dauerte es aber wieder einige Jahrzehnte, ehe Forscher 2001 auf Ball's Pyramid zwei Dutzend lebende Insekten entdeckten und zwei davon (genannt Adam und Eva) für ein Nachzuchtprogramm verwendeten, das 2003 im Zoo von Melbourne startete. Vermutlich hatten ein paar Büsche auf der 560 Meter hohen, fast senkrecht aufragenden Felsnadel dem Insekt das Überleben ermöglicht. Wie die flugunfähigen Insekten auf die Insel gelangten, bliebt ein Rätsel.

Sind das echte Baumhummer?

Das Zuchtprogramm wurde ein voller Erfolg, die Zahl der Insekten, die in Gefangenschaft lebt, ist stark angestiegen, auch wenn der Baumhummer wohl weiterhin die wohl seltenste Insektenart der Welt ist. Doch die gezüchteten Sechsbeiner sahen indes ein wenig anders aus als die in Museen konservierten Baumhummer: Vor allem ihre Färbung und die Dicke ihrer Beine differieren. Hat man als gar nicht den Baumhummer der Lord-Howe-Insel gerettet, sondern eine andere Art?

Optisch unterscheiden sich die Zucht-Baumhummer (rechts) und die Museumspräparate der alten Baumhummer der Lord-Howe-Insel recht stark.
foto: you ning su / csiro

Forscher um Alexander Mikheyev vom Okinawa Institute of Science and Technology haben deshalb vergleichende DNA-Analysen von heute im Zoo lebenden Baumhummern mit zwei alten Museumspräparaten angestellt und konnten nun bestätigen, dass es sich um die gleiche Insektenart handelt.

Wie sie im Fachblatt "Current Biology" berichten, besteht ein Unterschied in der mitochondrialen DNA zwischen heutigen und früheren Baumhummern von höchstens 0,6 Prozent, was innerhalb einer Art üblich ist. (Die beiden Museums-Baumhummer unterscheiden sich um 0,55 Prozent.)

Die DNA-Untersuchungen brachten aber auch noch eine Überraschung: Das Insektengenom umfasst 4,2 Gigabasenpaare und damit mehr als unser Genom, das mit 3,3 Gigabasenpaaren auskommt.

Geplante Wiederansiedlung

Doch die Geschichte von der erfolgreichen Errettung der Baumhummer ist damit noch nicht zu Ende: Heuer einigten sich die Bewohner der Lord-Howe-Insel darauf, dass ihr Eiland von Ratten und Mäusen befreit wird. Ab nächstem Jahr sollen die Nager bekämpft werden – damit die Baumhummer vom Zoo auf ihre angestammte Insel zurückkehren können. (Klaus Taschwer, 6.10.2017)