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"The Tick": Höchste Zeit für Superparodie

13. Oktober 2017, 10:54

Die Amazon-Serie macht sich über Superhelden lustig. Schauspieler und Produzenten sind sich einig: weil die Welt das dringend braucht

Wien – So ganz lupenreine Helden haben ja meistens etwas Peinliches an sich. Superman wäre ohne seine Schwachstelle Kryptonit eine aalglatte Lachnummer, Batman ohne Hingabe zu Robin ein steifer Klotz. Insofern hatte der Comiczeichner Ben Edlund recht, als er seine Superhelden an den Rand des Nervenzusammenbruchs führte.

Da ist zum einen Arthur (Griffin Newman), ein schüchterner Jüngling, der plötzlich über Superkräfte verfügt und lernen muss, damit umzugehen. Sein Lehrer ist The Tick (Peter Serafinowicz), großmäuliger Superheld im plastikblauen Kraftmeieranzug, dem bei der Umsetzung seines Kernauftrags – Menschenleben retten – gerne auch Pannen unterlaufen.

Es brauchte mehrere Anläufe, bis Edlund seine Zeichengeschichte mit echten Menschen anbringen konnte.

Patscherter Held

Der erste Versuch 2001 ging auf Fox nach nur neun Folgen gnadenlos unter. Amazon versuchte den Neustart, ab Freitag ist die deutschsprachige Version mit dem patscherten Helden abrufbar. Warum die Neuauflage, die gar nicht so viel anders aussieht als der Vorgänger, diesmal besser durchstarten soll, sehen die Macher vor allem im Umfeld begründet: Die Zeit ist reif für "The Tick".

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Superhelden werden gebraucht, sagt Edlund im Gespräch mit dem STANDARD: "Weil es die ewige Geschichte von den Guten ist, die gegen die Bösen siegen." Für solche Sehnsüchte hat Produzent David Fury Verständnis: "Wir befinden uns in einem sehr grauen Zeitalter. Vielleicht ist es eine Art geheimer Wunscherfüllung."

Vielleicht hat es ja auch einfach mit dem Publikumsgeschmack zu tun, vermutet Edlund und erinnert an die 1950er-Jahre: "Hollywood war erschöpft von Wildwest-Filmen und reif für Superhelden-Fantasy." Und die Welt ist offenbar schon ein Stück weiter, nämlich bereit für die Superheldenparodie, ist auch The-Tick-Darsteller Peter Serafinowicz überzeugt:

STANDARD: Was wussten Sie von "The Tick"?

Serafinowicz: So gut wie nichts. Nur, dass es einen Charakter gab namens The Tick und dass das eine Art Superhelden-Parodie war. Ich wünschte, ich hätte sie schon früher gekannt, dann hätte ich gewusst, was für eine sophisticated Comedy das ist. Ich liebe es, Menschen zu entdecken, die eine neue Art gefunden haben, lustig zu sein. Der "The-Tick"-Erfinder Ben Edlund hat viele neue Witze gefunden. Ich bin ein Comedy-Nerd, mehr als ein Superhero-Nerd.

STANDARD: Ihre erste Begegnung mit Ben Edlund?

Serafinowicz: Wie ich erfuhr, sah Ben vor einigen Jahren Clips meiner Sketch-Show und sah mich offensichtlich in einer dieser Rollen als Idealbesetzung für "The Tick". Ich weiß nicht genau, welcher Charakter das war, aber einer davon war ein großer amerikanischer Fernsehansager. Weil ich Ben jetzt kenne, kann ich mir gut vorstellen, dass ihn diese Figur nicht losgelassen hat. Ich war sehr aufgeregt, als ich ausgewählt wurde, weil "The Tick" ein so wichtiger Teil von Bens Leben ist. Er erfand den Charakter vor 30 Jahren und hat daraus ein Comicbuch, einen Cartoon und eine Fernsehshow gemacht. Als ich das Skript bekam, lag ein Brief von ihm dabei, in dem er mich fragte, ob ich die Rolle übernehmen wollte. Es war der entzückendste Brief, den ich jemals bekommen habe! Ob ich in Betracht ziehen würde, "The Tick" zu spielen, weil er überzeugt sei, dass ich als Einziger für den Job infrage komme. Ich bewahre diesen Brief wie einen Schatz auf, weil er so schön ist.

STANDARD: Wie war es für Sie, als Sie das Skript lasen?

Serafinowicz: Ich liebte das Skript sofort, und wir waren sofort auf einer Wellenlänge. Ben ist ein großer Meister des Wortspiels, etwas, das ich auch sehr liebe. Es ist so ein Glücksfall, das passiert wirklich nicht oft im Leben.

STANDARD: In einem Interview sagten Sie, "The Tick" hat etwas Existenzialistisches. Was meinen Sie damit?

Serafinowicz: Auch auf die Gefahr hin, angeberisch zu wirken – wobei: Ich bin ein Schauspieler, deshalb darf ich das –, es ist mein Job. Jedenfalls als wir das Okay hatten, die Serie zu drehen, war meine größte Sorge, ob sich die Figur entwickeln könnte, er ist nicht selbstbewusst, er kämpft gegen Schurken, erledigt Kriminelle, rettet Unschuldige, blablabla, und alles das macht er nicht sehr gut, woraus der Witz entsteht. Tick ist unerschütterlich optimistisch, und zwar, weil er nicht weiß, was vor einigen Tagen passiert ist. Zuerst stört ihn das nicht weiter, aber dann beginnt er sich zu fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Jemand fragt ihn nach seinem Kostüm, und er kennt sich gar nicht aus – welches Kostüm? Er weiß nicht einmal, dass er ein Kostüm trägt. Das ist Ticks Reise, herauszufinden, was zur Hölle ihn ausmacht. Das schließt die Frage nach seiner Existenz ein. So gesehen ist es auch eine Show über Einsamkeit, alle Charaktere sind aus verschiedenen Gründen einsam.

STANDARD: Apropos Kostüm, es ist sehr speziell – wie fühlte sich das an?

Serafinowicz: Als ich es zum ersten Mal trug, hüpfte ich herum auf dem Parkplatz des Studios, wo wir drehten. Ich hatte eine halbe Stunde Spaß mit dem Kostüm und fünf Monate – nun, wie soll ich sagen – nicht Spaß. Das Kostüm ist aus einem elastischen Material und völlig atmungsinaktiv. Wir drehten am Ende des Winters in New York, und dieses Kostüm verstärkt die Temperatur, die es gerade hat. Wenn es draußen kalt ist, wird es innen eisig, und wenn es heiß ist, ist es fast nicht auszuhalten.

STANDARD: Zu einem Ihrer Nebenjobs gehört es, Donald Trumps Reden als Sassy Trump neu und völlig ohne Emotion zu synchronisieren Wie geht es Sassy?

Serafinowicz: Danke, gut! Ich brauchte eine kleine Pause, weil wir drehten und ich keine Energie hatte, etwas Neues zu machen. Wobei es auf eine merkwürdige Weise sehr entspannend ist, Sassy zu spielen. Ich begann Donald Trumps superlächerliche Stimme zu synchronisieren, weil die Leute nicht zu bemerken schienen, wie er dieses lächerliche Bild des Machos bedient. Erst wenn Sassy seine Worte völlig trocken sagt, kommt so richtig heraus, was der Inhalt ist. Der Punkt ist: Das sind alles seine Worte. Manchmal denke ich, auch Trump sieht Sassy. Vor ein paar Monaten sah ich ihn sprechen, und ich sah, wie er wie Sassy Trump redete. Das ist wie eine nette Botschaft von ihm: Ich sehe dich. (Doris Priesching, 13.10.2017)