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Hauptbahnhof: Das sonnige Geschäft mit dem Sonnwendviertel

10. November 2017, 08:00

In der ersten Bauphase hatte man im Sonnwendviertel verabsäumt, attraktive Gastro- und Geschäftsflächen vorzusehen. Das soll in der nächsten Tranche korrigiert werden

Ältere Hausfrauen mit Lockenwicklern im Haar rauchen auf den Balkonen. Die üblichen einsamen Jogger und Hundehalter verlieren sich gehetzt zwischen den stummen Fronten und parkenden Autos. Junge Paare verlassen selten und dann hastig die Hausflure und eilen zu ihren Vierrädern, um rasch davonzufahren." Die Beobachtungen, die der deutsche Journalist und Architekturkritiker Till Briegleb im Sonnwendviertel machte und im Kunstmagazin art veröffentlichte, sind alles andere als schmeichelnd. Sein Fazit: "Der Stadtteil muss leider sofort wieder abgerissen werden."

Das Sonnwendviertel im Hinterland des neuen Wiener Hauptbahnhofs basiert auf einem im Jahr 2004 beschlossenen Masterplan. Und obwohl von der Wiener Stadtplanung ein eigenes Stadtteilmanagementteam eingesetzt wurde, das sich um die Wünsche und Anliegen der Bevölkerung kümmern und auf diese Weise die Akzeptanz des Projekts sichern sollte, entpuppte sich die erste Bebauungstranche des Sonnwendviertels – der Nordwesten – als "mono-attraktives" (Copyright: Briegleb) und stadträumlich wenig lebendiges Viertel mit einer durchwegs traurigen, bisher vernachlässigten Erdgeschoßzone.

Haus für Musiker

Das soll sich nun ändern. Nach der lauten Kritik von Architekten und Stadtplanerinnen der vergangenen Jahre soll die nächste Bauphase im Südosten des Viertels besser werden. Geplant sind kleinere Blocks, größere Heterogenität, differenzierte Wohnbauthemen sowie entsprechend gut geplante und auch gut begleitete Gewerbe- und Gastronomiekonzepte fürs Parterre. Sogar der Vergabeprozess wurde verschärft: Ein Drittel aller Projekte beziehungsweise Grundstücke wird als sogenanntes "Quartiershaus" ausgeschrieben. Zum Zug kommen Ideen, die nicht nur die besten Wohnlösungen liefern, sondern auch den größten und wichtigsten Beitrag zu einem lebendigen Quartier leisten.

Eines der außergewöhnlichsten Projekte ist die Music-Box des Österreichischen Siedlungswerks (ÖSW) und seiner Bauträgertochter room4rent. In unmittelbarer Nähe des Aspernstegs entsteht ein Haus für Sängerinnen und Musiker sowie für kultur- und musikaffine Institutionen. Zur Ausstattung des von Heri&Salli geplanten Hauses zählen Wohnungen, möblierte Kurzzeitapartments, ein Grätzlhotel, Proberäume, Turn- und Fitnessräume sowie ein Creative Lab, das von der Sportunion Favoriten genutzt wird. Mit einem besonderen Konzept möchte man zudem die Shop- und Gastroflächen beleben.

Fisch und Gemüse

"Wir möchten die Gewerbeflächen an die Erstmieter für rund vier Euro netto pro Quadratmeter vermieten, das ist die Hälfte des marktüblichen Preises", sagt ÖSW-Vorstand Michael Pech auf Anfrage des Standard. Möglich gemacht werde dies durch die Stützung der Erträge aus den Obergeschoßen. Auf diese Weise wolle man sicherstellen, dass die Gewerbeflächen attraktiv bespielt werden. "Es stimmt schon, in der ersten Bauphase des Sonnwendviertels hat man zwar hochwertige Wohnungen errichtet, aber leider zu wenig darauf geachtet, dass auch ein lebendiges Grätzel entsteht. Ich denke, die zweite Bauphase ist ein wichtiger Schritt in Richtung Urbanität."

Auch im Grünen Markt, ein Projekt des Bauträgers Neues Leben und der Sandbichler Architekten, wird ein Schwerpunkt auf Arbeit und Produktion gelegt. Ein Drittel der Gesamtfläche, also rund 1700 m², ist hier dem öffentlichen Gewerbe gewidmet. Das Nutzungsprogramm umfasst das Forschungslabor Otelo, das Kreativlabor Nank, ein Zentrum für Sexualberatung (Eros & du) sowie eine Markthalle. Highlight jedoch ist die hauseigene Aquaponic-Anlage, die Fisch und Gemüse nachhaltig wachsen lässt. Es ist dies die größte Anlage ihrer Art in Österreich. Dieser Tage findet der Baubeginn statt. Geplante Fertigstellung ist Juni 2019.

Fokus auf Industrie 4.0

Nicht weit davon entfernt errichtet die Wohnprojekte-Genossenschaft Wogen im Baurecht – Grundstückseigentümerin ist die ÖBB – ein Quartiershaus mit Miniapartments, Wohnungen, Clusterwohnungen, Wohngemeinschaften sowie mit Mietflächen für das produzierende Gewerbe in Erdgeschoß und Souterrain (Architektur Transparadiso und Feld72). "Wir haben auf diesen beiden Etagen auf eine entsprechend große Raumhöhe geachtet", sagt Heinz Feldmann, Vorstand der Wogen. "Geplant ist, hier nicht nur Geschäfte und Gastronomie unterzubringen, sondern auch Werkstätten und Handwerksbetriebe. Auf diese Weise wollen auch wir zur Belebung des Sonnwendviertels beitragen." Der Fokus richtet sich auf Industrie 4.0. Eine der Hauptinteressentinnen ist die Hightech-Werkstätte Happylab.

Auch in vielen anderen Projekten sind Gewerbeflächen vorgesehen. Im Baugruppenhaus Gleis21, ein Kooperationsprojekt von Einszueins Architekten und von Bauträger Schwarzatal, sind Mietflächen vorgesehen, darunter etwa ein Restaurant, ein Veranstaltungsraum sowie eine Medienwerkstatt von Radio Orange. Im Quartiershaus Mio (Bauträger Heimbau in Zusammenarbeit mit Wohnbund Consult) werden explizit Wohnmieter bevorzugt, die auch eine Bürofläche anmieten möchten.

Sehen und gesehen werden

Die Wiener Architektin Lisa Zentner, früher in der Zieglergasse in Neubau tätig, führt ihr Büro seit gut einem Jahr im Sonnwendviertel. Eingemietet hat sie sich im Erdgeschoß eines geförderten Wohnbaus. Einen Teil des Büros vermietet sie als Studio 101 für Pop-up-Stores, Vernissagen und Veranstaltungen aller Art. "Hierher ins Parterre zu ziehen war eine bewusste Entscheidung, denn erstens will ich sehen und gesehen werden, und zweitens will ich dazu beitragen, was im Sonnwendviertel bislang fehlt – zu einem lebendigen und auch spontanen Austausch auf der Straße." Möge der deutsche Architekturkritiker Till Briegleb bei seinem nächsten Wienbesuch eine andere, sonnigere Sonnwende vorfinden. (Wojciech Czaja, 10.11.2017)