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Selfie-Trend: Der Hype um den Schweiß

3. Dezember 2017, 09:00

In sozialen Netzwerken gilt Schwitzen als Indikator für anstrengende Workouts. Aber Schwitzen ist vor allem eines: Sehr individuell

Während man früher lieber hinter geschlossenen Türen schwitzte und sich online nur von seiner makellosen Seite präsentierte, zeigen sich Sportler heute stolz mit schweißüberströmten Gesichtern in sozialen Netzwerken. Damit soll gezeigt werden, wie anstrengend das Training war – und wie hart man an sich selbst arbeitet. Als "high on sweat" beschreiben diesen Zustand manche sogar.

Die verschwitzten Darstellungen in sozialen Netzwerken fallen auch dem Wiener Sportmediziner Robert Fritz auf. Darin glaubt er einen "Hype um Leistung" zu erkennen: "Wenn man durch Leistung leidet, dann wird das bewundert." Dahinter stecke aber bei vielen Sportlern ein veraltetes Trainingskonzept: "Früher hat man geglaubt, je härter trainiert wird, desto besser." Heute ist dieses Konzept überholt – und nur noch bei manchen Hobbysportlern verbreitet.

High-Intensity-Trainings, bei denen der Puls in die Höhe getrieben wird, liegen zwar im Trend, sie sollten aber nur einen kleinen Teil des wöchentlichen Trainingspensums ausmachen, betont der Sportmediziner. Gerade diese hochintensiven Sportarten würden sich aber gut dafür eignen, den Körper in einen Hochzustand zu versetzen, meint der Sportpsychologe Andreas Kollar: "Bei hartem Training werden Endorphine ausgeschüttet, um Schmerzen zu dämpfen."

Diese Endorphine wirken auch auf die Psyche und versetzen den Körper in einen euphorischen Zustand. Läufer kennen diesen Effekt als Runner's High. Mit der Menge an Schweiß hat das aber nichts zu tun. Wie sich dieses Hochgefühl äußert und wie lange es anhält, sei sehr individuell, so Kollar.

Schwitzen trainieren

So wie auch das Schwitzen. Das liegt einerseits daran, dass nicht jeder Mensch gleich viele Schweißdrüsen hat – 300 bis 400 Millionen davon sind über den Körper verteilt, besonders viele davon auf Hand- und Fußflächen. Außerdem haben schlanke, große Menschen eine größere Körperoberfläche als kleinere, fülligere. Letztere haben es daher laut Sportmediziner Martin Burtscher von der Universität Innsbruck schwerer, ihre Körpertemperatur zu regulieren – und schwitzen daher mehr.

Außerdem lässt sich schwitzen trainieren. Bei Saunaerprobten rinnt der Schweiß daher, sobald sie die Sauna betreten. Aber auch trainierte Sportler schwitzen schneller als Untrainierte. Damit soll verhindert werden, dass die Körpertemperatur zu schnell ansteigt und der Körper überhitzt oder in einen Erschöpfungszustand gerät.

Wie die Temperaturregulation genau funktioniert: "Sobald wir körperlich aktiv sind, wird ein großer Teil der Energie in Wärme umgesetzt. Der Körper beginnt zu schwitzen, um diese Wärme abzuführen", so Burtscher. Die Flüssigkeit, die beim Schwitzen ausgeschieden wird, verdunstet, und die Körperoberfläche wird gekühlt. Zehn bis 15 Minuten dauert es durchschnittlich, bis der Körper zu schwitzen beginnt.

Individuelles Schwitzen

Für Sportmediziner Burtscher ist starkes Schwitzen ein Indikator für die Trainingsintensität – und noch dazu kein besonders guter. Messungen der Herzfrequenz, der Laktatkonzentration und der Atemtätigkeit seien bessere Indikatoren.

Ausgeschwitzt wird größtenteils Wasser, aber auch Elektrolyte wie Natrium und Chlorid, Kalium, Harnstoff und Harnsäure. Bei großer Anstrengung sind 1,5 Liter Schweiß in einer Stunde möglich, bei professionellen Marathonläufern sogar zwei Liter. Wer viel schwitzt, muss die verlorene Flüssigkeit auch wieder zu sich nehmen. Wichtig ist dabei, so Burtscher, dass Sportler nicht nur Wasser trinken, sondern auch Salze und Magnesium zu sich nehmen. Im Training wird daher oft auf isotonische Getränke zurückgegriffen, laut Sportmediziner Burtscher sind aber auch Wasser und eine klare Suppe ausreichend.

"Aus medizinischer Sicht ist Schwitzen positiv", sagt der Sportmediziner. Er räumt aber ein, dass das starke Schwitzen mitunter ein "ästhetisches Problem" darstellen könnte. Zumindest abseits der sozialen Netzwerke. (Franziska Zoidl, 3.11.2017)