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Xbox One X im Test: Microsofts PS4-Pro-Killer?

Test mit Video |
6. November 2017, 10:13

Bislang beste Hardware dieser Konsolengeneration lockt Spieler mit 4K-Fernseher, ist aber auch kein zwingendes Upgrade

Die Xbox One X (X1X) ist die aktuell stärkste Spielkonsole am Markt. Daran gibt es auch nach unserem Test nichts zu zweifeln. Damit lassen sich alte und neue Xbox-One-Games mit höherer Auflösung, schärferen Texturen, stabileren Bildraten und feineren grafischen Details erleben. Ein Konzept, das man bereits von der 2016 erschienenen Playstation 4 Pro kennt, die PS4-Spiele ebenfalls mit schönerer Grafik ausgeben kann. Davon profitieren in beiden Fällen vorrangig Kunden, die bereits über moderne Ultra-HD-Fernseher verfügen. Die Xbox One X führt diese Idee des sogenannten Mid-Generation-Upgrades jedoch noch konsequenter aus und bringt einige wegweisende Ansätze mit sich. Mit einem Preis von 500 Euro ist Microsofts jüngste Spielkonsole mit 1-TB-Festplatte und Controller allerdings auch 100 Euro teurer als die direkte Konkurrenz und doppelt so teuer wie die Xbox One S und die PS4. Und bei aller demonstrierter Ingenieurskunst hätte es der Xbox One X zudem gut getan, von dem einen oder anderen neuen und exklusiven Blockbuster begleitet zu werden.

Hardware und Design

Dass Microsoft den Sprung auf 4K noch konsequenter verfolgt als Sony, zeigt sich in erster Linie an der verbauten Hardware der Xbox One X. Mit 50 Prozent mehr Grafikleistung als die PS4 Pro und 50 Prozent mehr Arbeitsspeicher bietet sie Entwicklern mehr Spielraum, um aktuelle Games zu optimieren und mit hochauflösenden Texturen versehen zu können.

Bemerkenswert daran ist, dass Microsoft es geschafft hat, die geballte Kraft in einem kleinen, diskreten Gehäuse zu verstauen. Dank eines Kühlers mit so genannter Vapor Chamber wird zudem garantiert, dass die Konsole stets angenehm leise ihre Arbeit verrichtet. Merklich aufhorchen lässt die neue Xbox nur, wenn das Disc-Laufwerk anspringt. Zur optimalen Kühlung sollte man die Konsole unserer Erfahrung nach horizontal aufstellen, da an Ober- und Unterkante frische Luft eingesaugt und nach hinten abgeführt wird. Diese ungestörte Zirkulation ist notwendig, da die Xbox One X durch eine maximale Leistungsaufnahme von 175 Watt nicht nur mehr Strom verbraucht als andere Konsolen, sondern auch spürbar mehr Abwärme erzeugt.

Grafik-Upgrade für drei Generationen

Vorbildlich an Microsofts Umsetzung dieses Mid-Generation-Upgrades ist, dass die Xbox One X die zusätzliche Rechenleistung auf mehreren Wegen einsetzen kann, um Games schöner darzustellen und das Spielerlebnis zu verbessern. Am meisten profitieren Spiele, die wie bei der PS4 Pro mittels Update von Entwicklern eigens angepasst wurden. In diesen Fällen kann der grafische Unterschied zwischen der normalen Xbox-One-Ausgabe und der Xbox-One-X-Version wirklich beträchtlich ausfallen. Im Testzeitraum stellten dies am besten die Shooter "Gears of War 4" und das Action-Adventure "Assassin's Creed Origins" unter Beweis, die dank nativer 4K-Auflösung, schärferen Texturen und aufgewerteten Lichteffekten auf der Xbox One X und einem 4K-Fernseher nochmals deutlich imposanter aussehen. Unterstützt ein Spiel und der eingesetzte Monitor auch noch eine HDR-Ausgabe, profitiert man zudem von einem größeren Kontrastumfang, was sich unter anderem an imposanteren Himmeln und Gegenlichtsituationen erkenntlich macht.

Wie groß das grafische Upgrade tatsächlich ausfällt, hängt letztendlich von den Spielentwicklern ab. Wenngleich zum Testzeitpunkt nur eine kleine Auswahl an gepatchten Games zur Verfügung stand, zeigte sich, dass die Updates in der Regel aber zumindest eine höhere Auflösung, eine schärfere Texturendarstellung sowie eine stabilere Bildrate mit sich bringen. Zugute kommt dies auch Besitzern herkömmlicher Full-HD-Fernseher, denen mit einer Technologie namens Super-Sampling zumindest eine bessere Kantenglättung und damit ein ruhigeres und ebenfalls schärferes Bild geboten wird. Hinzu kommt, dass manche Spiele es erlauben, zwischen höherer Auflösung und höherer Bildrate zu wählen, was auf Full-HD-Screens ebenso für ein flüssigeres Spielerlebnis sorgen kann. Welche Werke ein Xbox-One-X-Update erhalten haben, listet Microsoft sowohl auf der Produktwebseite als auch in der Spielebibliothek auf der Konsole auf. Zu beachten ist hier, dass die Patches teilweise dutzende Gigabyte umfassen und aktuell nur als Download erhältlich sind. Ob sich die Grafik-Updates bei künftigen Veröffentlichungen auch gleich auf den Spielediscs befinden werden, bleibt abzuwarten. Aktuell sieht es aufgrund der erheblichen Datenmengen speziell für 4K-Texturen jedoch nicht so aus.

Neben den eigens aufgewerteten Games profitieren auch Xbox-One-Spiele von der stärkeren Hardware, die kein Update erhalten haben. Das zeigt sich zum einen an höheren und stabileren Bildraten und auch an höheren Auflösungen bis 1080p, sofern die Spiele über eine dynamisch skalierende Auflösung verfügen. Das kommt vor allem technisch bislang unausgegorenen Umsetzungen zu gute, die auf der normalen Xbox One ihre Mühe haben, eine flüssige Bildrate zu erreichen oder auf niedrigere Auflösungen wie 720p oder 900p zurückgreifen müssen. Überdies bekommen alle Spiele einen 16-fachen Texturfilter für eine generell schärfere Darstellung spendiert. Konsequenz beweist Microsoft überdies in der Unterstützung kompatibler Xbox-360- und Xbox-Games, die man dank Emulation ebenfalls seit einiger Zeit auf der Xbox One spielen kann. Auf der Xbox One X werden diese Klassiker ebenfalls mit höherer Bildrate und mit einer Auflösung von bis zu 4K wiedergegeben. Grafische Wunder sollte man sich hier jedoch nicht erwarten. Das Bild flimmert klar weniger und ist flüssiger, die zugrundeliegende, veraltete Grafik bleibt hingegen unverändert.

Coole Tricks

Abseits dieser offensichtlichen Verbesserungen bringt die Xbox One X einige kleinere, aber nützliche Funktionen mit sich. Audiophile erfreuen sich an einem verbesserten Raumklang mittels Dolby-Atmos-Unterstützung und Cineasten wiederum können UHD-Blu-rays abspielen. Nachholbedarf gibt es hier bei den Streaming-Apps. Während Netflix etwa schon 4K- und HDR-Inhalte anbietet, lassen sich über die Xbox-App für Youtube keine der neuen Formate genießen.

Die Xbox One X nutzt den höher getakteten Prozessor, die flottere interne Festplatte und den großzügig ausgelegten Arbeitsspeicher zudem, um die Ladezeiten von Games zu verkürzen. Die Unterschiede fallen teilweise drastisch aus. In "Middle-earth: Shadow of War" schrumpfen die Wartezeiten um fast 50 Prozent, ebenso in "Assassin's Creed Origins". Gerade bei Open-World-Spielen ist das eine willkommene Verbesserung.

Gegenüber der normalen Xbox One kann man seine Spielsessions auf der Xbox One X zumindest in 30-Sekunden-Clips auch in 4K und HDR aufnehmen. Ein weiteres zukunftsweisendes Feature, das aktuell allerdings nur sehr wenigen etwas bringen wird, ist die Unterstützung von FreeSync-tauglichen Bildschirmen, wodurch die Bildrate von Spielen mit der Bildrate des Screens abgeglichen wird, um ein ruckelfreies Erlebnis zu gewährleisten.

Generationen-Dilemma

So vorausschauend die Hardware designt wurde, einen großen Haken hat das Konzept der Xbox One X: Als Mid-Generation-Upgrade wird ihr gesamtes Potenzial darauf gesetzt, um die Spiele einer vielfach schwächeren Konsole schöner darzustellen. Es ist das gleiche Dilemma, in dem bereits seit einem Jahr die PS4 Pro gefangen ist und auch von Microsofts jüngster Konsole sollte man sich keine neuen Videospielwunder erwarten. Je nachdem, wie gut Entwickler mit Updates die zusätzlichen Kapazitäten anzapfen können und wollen, sehen Spiele auf der Xbox One X deutlich schärfer aus, laufen flüssiger und begeistern mit dem einen oder anderen visuellen Effekt mehr. Doch die eigentlichen Spielwelten werden dadurch nicht größer, die Animationen der Charaktere nicht realistischer und die Intelligenz der computergesteuerten Gegner auch nicht höher.

Xbox One X vs PS4 Pro

Wie ökonomisch Spielhersteller an diese Zwischengeneration herangehen, zeigt sich auch an den ersten Games, die sowohl für PS4 Pro als auch für Xbox One X ein Grafik-Update erhalten haben. "Fifa 18" sieht trotz Hardware-Differenzen beispielsweise mit 4K-Auflösung und HDR auf beiden Plattformen praktisch ident aus. "Assassin's Creed Origins" wiederum läuft auf der Xbox One X tatsächlich in schärferer 4K-Auflösung, während das Spiel auf der PS4 Pro nur in 1400p ausgegeben wird. Dank moderner Skalierungsverfahren wie Checkerboard-Upscaling können aber heutzutage selbst derartige Unterschiede ganz gut ausgeglichen werden.

Das soll gewiss nicht heißen, dass die Mehrleistung der Xbox One X um sonst ist, und mit Sicherheit werden Fachmedien und leidenschaftliche Pixelzähler wie schon einst bei PS4 und Xbox One jedes neue Game unter die Lupe nehmen und die Unterschiede an Vergleichsbildern festmachen. Doch das wird wohl wenig daran ändern, dass an der absoluten Mehrheit der Konsumenten solche Feinheiten ungesehen vorübergehen und Spielhersteller sich weiter in erster Linie auf die mit bald 100 Millionen verkauften Geräten am weitesten verbreiteten Konsolen PS4 und Xbox One konzentrieren werden und genau abschätzen werden, wie sehr es sich lohnt in Upgrades für die elitäre Hardware-Spitze zu investieren.

Unter diesem Gesichtspunkt pflegen Xbox One X und PS4 Pro sogar eine bittersüße Freundschaft: Denn mit jeder verkauften Xbox One X und jeder verkauften PS4 Pro wird es für Hersteller marketingtechnisch und ökonomisch sinnvoller, an ihren Upgrades zu feilen.

Fazit: Für wen?

Für wen lohnt sich die Xbox One X also wirklich? Wer das meiste Potenzial aus der Xbox One X schöpfen möchte, braucht einen 4K-Fernseher. Dafür wurde die Konsole entwickelt und Microsoft macht auch keinen Hehl daraus. Wer mit der falschen Erwartungshaltung 500 Euro für dieses geballte Stück Technik niederlegt, wird wohl oder übel enttäuscht werden. Sofern man nicht zwingend die allerschönste Grafik haben muss, kann man getrost bei der Xbox One bleiben. PS4 und PS4 Pro-Besitzer, die mit ihrem aktuellen Umfeld zufrieden sind ebenso. Für letztere dürften die tatsächlichen Grafikunterschiede zudem ohnehin zu gering ausfallen.

Grafikaffine Xbox-One-Fans, die auf 4K umsatteln möchten, sind hingegen definitiv gut beraten. Wer noch keine neue Konsole hat, aber bereits auf den 4K-Zug aufgesprungen ist, sollte wie bei jedem Konsolenkauf zuerst abwägen, ob ihm das Spielportfolio der Xbox One zusagt. Die Inhalte sind letztendlich wichtiger als jedes zusätzliche Pixel.

Hier hätte es Microsoft wirklich gut getan, zeitgleich ein neues exklusives Zugpferd zu veröffentlichen. Während Sony und Nintendo in den vergangenen Jahren massiv in die Entwicklung von exklusiven Blockbustern für PS4 und Switch investiert haben, schraubte Microsoft seine Eigenentwicklungen zunehmend zurück. Das rächt sich im Angesicht der tollen neuen Hardware umso mehr. Denn egal, ob 4K oder nicht: Vergleichbare Vorzeigetitel wie "Horizon: Zero Dawn", "Uncharted 4" oder "Zelda: Breath of the Wild" und "Super Mario Odyssey" hat die Xbox One derzeit nicht in Aussicht. Bleibt zu hoffen, dass Microsoft nach der Entwicklung der bislang besten Hardware dieser Generation nun wieder seine Softwareschmieden für sich sprechen lässt. (Zsolt Wilhelm, 6.11.2017)

Die Xbox One X erscheint am 7. November und kostet zusammen mit einem Controller und 1TB-Festplatte 499,99 Euro. Sie unterstützt alle neuen und alten Xbox-One-Games.